vom Dezember 2024 von Jürgen Kraft, Philosoph: (Hinweis: Kommenden Samstag 14.12. wieder in der Stadtbücherei zu philosophischen Gesprächen 11 bis 12:30 Uhr)
Vor nicht all zu langer Zeit schwebte einmal – von der Menschheit völlig unerkannt – ein UFO in gehöriger Entfernung über der Erde mit einem Außerirdischen an Bord, der sehr vernünftig und wirklich sehr moralisch, sprich gut war. Und der beobachtete die Erde und die Menschheit.
Von diesen machte er sich einige Vorstellungen und hatte auch ein paar ganz bestimmte Erwartungen.
„Da es da unten Siedlungen und bearbeitete Natur gibt, müssen die Wesen dieses Planeten Vernunft besitzen. Diese Vernunftwesen sind auf ihrem kleinen Planeten aber ganz offensichtlich gefangen, denn ich konnte in dessen näherer Umgebung ja keinen von ihnen irgendwo anders entdecken. Und da sie keinen weiteren Planeten besiedelt zu haben scheinen, ist dieser ihr endlicher Planet ihr einziger Aufenthaltsort und ihre einzige Rohstoffquelle.
Ich denke also: Als Vernunftwesen in so einem kleinen Lebensraum eingesperrt stehen ihnen nur begrenzte, endliche Naturressourcen zur Verfügung. Folglich müssen sie und werden sie sich auch gegenseitig sehr schätzen und achten und von daher unbedingt füreinander da sein und zusammenarbeiten. Alle diese Vernunftwesen auf diesem Planeten werden somit wohl sehr friedlich miteinander auskommen und sich niemals bewusst und absichtlich Leid zufügen.
Und wenn sie nun also tatsächlich Intelligenz besitzen, dann werden ja wohl alle diese intelligenten Wesen auf diesem Planeten auch diese ihre endliche Ressource gemeinsam nutzen, also gemeinsam bearbeiten. Jedes Individuum wird wohl je nach seinen Talenten, Fähigkeiten und Vorlieben die Tätigkeit ausüben, die es möchte. Und so werden sie alle zusammen die Naturschätze dieses Planeten gemeinsam möglichst schonend nutzen. Und was sie alle daraus für sich erzeugen, das werden sie als Vernünftige und Gute dann wohl gerecht und gleichmäßig auf alle Individuen verteilen, so dass jedes von ihnen genügend hat für den Konsum des Lebensnot-wendigen.
Von daher werden sie wohl friedlich zusammenleben im Genuss ihrer gemeinsam erarbeiteten Produkte und so ihr Leben genießen.“
Ein einziger von den Menschen, die zu außerkörperlichen Erfahrungen fähig sind, aber empfing diese Gedanken des Außerirdischen, freilich ohne dass er auch nur eine Ahnung hatte, woher und wie er zu ihnen gekommen war. Er veröffentlichte sie im Internet und es entbrannte -für ihn völlig unerwartet- viral eine sehr heftige Debatte. Die eine Partei argumentierte vermeintlich kritisch:
Der Mensch ist nun mal von Natur aus eben ein egoistisches und aggressives Wesen. Das müssen wir uns stets vor Augen halten. Und von daher kann es gar kein friedliches, solidarisches Zusammenleben der Menschenindividuen geben.
Auch will der Mensch haben, will besitzen und zwar immer mehr. Gleiche Verteilungen der in einer bestimmten Gesellschaft erzeugten Güter hatten wir ja tatsächlich schon mal vor noch nicht sehr langer Zeit. So hatte insbesondere das Nazi-Regime Deutschlands –u.a. aber auch das UK- in der Zeit des Zweiten Weltkrieges die begrenzten Lebensmittel und Gebrauchsgüter rationiert und jeder erhielt auf Karte dieselbe Menge jedes Artikels.
Und genauso praktizierten es die Mangelwirtschaften des einstigen sogenannten real existierenden Sozialismus während der Periode des Kalten Krieges. Aber das empfanden die Menschen jener Epoche eben gar nicht als zweifelsfreies Glück.
Auch arbeiten die Menschen niemals freiwillig, sie müssen mit Zwang zur –arbeitsteiligen- Arbeit genötigt werden. Dabei sind manche Menschen eben zu anspruchsvoller Arbeit fähig und andere nicht. Und manche Menschen leisten mit ihrer Arbeit einen größeren Beitrag für die Gesellschaft, tragen größere Verantwortung und müssen deshalb auch (viel) besser als andere entlohnt werden.
Und das heißt eben: Wenn jeder Mensch nur noch das zu arbeiten bräuchte, was ihm Freude und Erfüllung gewährt, dann würden manche Arbeiten von gar niemandem mehr ausgeführt werden. Und dann funktionierte unsere ganze Versorgung nicht mehr.
Die andere Partei nahm dazu eine kritische Gegenposition ein:
Während der gesamten 99% der bisherigen Menschheitsgeschichte lebten die Menschen in Gesellschaften als wirklich Gleiche und ohne Kriege, nämlich weitgehend friedlich zusammen. Das aber heißt doch: Egoismus und Aggressivität mit der Folge ewigen gegenseitigen Sich-Abschlachtens sind nicht auf ewig eingerammt in die menschliche Natur. Ganz im Gegenteil! Zumindest prinzipiell ist schon mal das Gegenteil Wirklichkeit gewesen. Und was einmal Wirklichkeit war, wieso sollte das nicht wieder einmal Wirklichkeit werden können?
Da die Menschen es ganz offensichtlich nicht schätzen, wenn wirklich jedes Individuum genau dieselbe Zusammensetzung der gleichen Menge an den verschiedenen Gütern erhält, sollten sie sich ihre Konsumgüter selbst aussuchen dürfen. Doch der –wertmäßige- Umfang kann ja und sollte dennoch für alle Individuen gleich groß sein.
Wer dagegen einwendet: „Aber wie soll man denn so einen riesigen Verwaltungsaufwand überhaupt bewältigen können?“, dem ist mit mindestens einem Beispiel und zwei Überlegungen zu entgegnen.
Als die CIA der USA –dieses demokratischen Rechtsstaats und Weltpolizisten der Menschenrechte- versuchte, den demokratisch gewählten Sozialisten Allende in Chile zu stürzen und durch eine –kapitalismusfreundliche- Militärdiktatur zu ersetzen, gelang es ihr, die chilenischen LKW-Fahrer dazu zu bringen, zu streiken und die Straßen zu blockieren, so dass die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern nicht mehr gewähr-leistet war und sie so zum Aufstand gegen ihre eigene Regierung genötigt werden sollte.
Aber Allende hatte in dieser absoluten Pionierphase schon ein digitales Rechenzentrum. Und weil es in der Bevölkerung ja nach wie vor noch Sympathisanten und Unterstützer Allendes gab, wurde ein Kommunikationsnetz aufgebaut zwischen den Bür-gern und diesem Rechenzentrum. Einzelne Bürger meldeten die-sem, welche Straßen nicht belagert sind und das Rechenzentrum kombinierte das dann mit den Orten, wo benötigte Güter sowie auch wo noch Transporter verfügbar sind und dirigierte diese dann.
Und nun denken wir bloß an die heutigen Möglichkeiten der Digitalindustrie, wo ein Großkonzern in den USA von jedem Bürger der Erde weiß, wo er wann in welchem Café sitzt und wohin er sich danach bewegt! Würde man diese Rechenkapazitäten und dieses weltweite Netz menschlich, gerecht und wahrhaft nutz-bringend einsetzen, dann sollte es kein Problem sein, die vorhandenen weltweiten Erzeugnisse und Dienstleistungsangebote und die weltweit nachfragenden Individuen zusammenzubringen und zu koordinieren.
Und eine Vorahnung, dass und wie gut das funktionieren könnte, vermitteln uns ja bereits heute schon –allerdings noch kommerzielle- Austauschplattformen.
Was das Verhältnis von Angebot an freiwilliger Arbeit und gesellschaftlich notwendiger Arbeit angeht, so ist zweierlei zu bemerken. Erstens kann und sollte sowieso jede Arbeit, die Menschen als solche keinen Spaß macht, automatisiert werden. Zweitens kann solch unbeliebte Arbeit auch anders organisiert werden. Oder beides zusammen. Beispielsweise kann Fließbandarbeit vollkommen ersetzt werden durch Automatisation oder bzw. und man könnte statt total aufgesplitterter und spezialisier-ter Arbeit die Dinge wieder von Teams herstellen lassen, die sie von Anfang bis Ende zusammenbauen. Und das dann selbstverständlich als wesentlich befriedigender empfinden als die Monotonie von ständig gleichen Arbeitsschrittchen.
Andererseits kriegt es so gut wie kein Mensch fertig, über seine gesamte Lebenszeit hinweg jeden lieben langen Tag wirklich überhaupt nichts zu tun. Mit irgendetwas beschäftigt sich jeder Mensch – und das ganz freiwillig. Wenn er nun das als sog. Arbeit, also als eine Tätigkeit, deren Ergebnis, ein Ding oder eine Dienstleistung, den Andern nützlich ist, das sie al-so konsumieren können, freiwillig leisten kann, dann wird er es gern tun. Und als nützlichen Beitrag für die Gemeinschaft überdies als sehr befriedigend empfinden.
Würden die Naturressourcen der gesamten Erde –die Rohstoffe und Naturdienstleistungen – von allen Individuen weltweit –gerecht verteilt – gemeinsam genutzt werden und die Arbeitserzeugnisse der gesamten Menschheit –dem Wert nach- gerecht auf alle Menschen weltweit verteilt werden, und würden sie die da-für nötige Arbeit auch noch gerne und freiwillig verrichten, dann würde die Menschheit also tatsächlich so zusammenleben wie es sich der Außerirdische vorstellte.
Dann gäbe es neben dem ganz Offensichtlichen wie der Tatsache, dass in diesem Falle niemand auf der Erde mehr hungern müsste, auch eine große Zufriedenheit angesichts der erfüllenden Tätigkeiten und der gerechten Verteilung der gemeinsam erzeugten Produkte und damit keine Konkurrenz und keinen Neid mehr. Und damit wäre diese Menschheit auch friedlicher zusammenlebend. Und weil darüber hinaus jedes Individuum auch noch ein Maximum an gesellschaftlicher Mitgestaltungspotenz hätte, wäre die Herrschaft einer kleinen Minderheit über die übrige Menschenmasse auch überwunden.
Was also ist jenen zu antworten, die das alles für unmöglich bzw. unrealistisch halten und einwenden: „Aber wenn es tat-sächlich so sein könnte, warum ist es dann nicht so wenn dies doch zum größtmöglichen Glück der Menschheit führen würde?“
Es ist so und seine Veränderung wird verhindert von der ganz kleinen Klasse der Herrschenden, die für sich aus diesem be-stehenden ungleichen, ungerechten und unmenschlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem für sich den größtmöglichen persönlichen Vorteil herausziehen. Die auf ihre Schlösser, Villen, Privatjets und Großyachten und womöglich sogar auf ihre eigene kleine Insel im Meer zu verzichten auf keinen Fall bereit sind. Und weil sie, die Macht über die Wirtschaft, die Politik und sogar über die Köpfe bzw. das Denken der Massen haben.
Vollkommen unbemerkt von der gesamten Menschheit war der Außerirdische als eine körperlose Geistwolke dann aber tatsächlich auf die Erde heruntergekommen und hatte sich unter die Menschen gemischt. Und mit seiner Supervernunft hatte er es ziemlich schnell vermocht, deren Kommunikation zu entschlüsseln und das tatsächliche Zusammenleben der Erdenbewohner und ihr Wirtschafts- und Gesellschaftssystem genau zu verstehen.
Und daraufhin kehrte er in sein Ufo zurück, wandte der Erde schnellstmöglich den Rücken zu mit der Erkenntnis: „Da ist Hopfen und Malz verloren!“
(Autor: Jürgen Kraft im Dezember 2024)
