Also vorab erstmal: Natürlich kann man sowas „entwickeln“ und auch gut finden. Nur gelegentlich entsteht dabei der Verdacht, dass da entweder besonders viele besondere Pilze, extra viel Alkohol, oder doch nur einfach eine leicht oder auch stark verminderte Zurechnungsfähigkeit mit im Spiel waren. Der (nach eigenen Aussagen) meistgehörte Privatsender (übrigens nur in der Region), namentlich Radio 7, bewirbt sich selbst zur Zeit mit Plakaten, die mit Slogans wie „Autofahren ohne Radio 7 ist nur Autofahren!“ ungemein attackieren. Attackieren ist hier kein Zufall, denn die entwickelnde oder „erfindende“ Werbeagentur heist „Attacke“ und sitzt in Ulm. Und natürlich fragt sich der erschütterte Rezipient: „Um Gottes Willen – wie kommt man nur auf solch geniale Weisheiten?“ Attacke schreibt dazu:
Ohne Radio 7 ist dein Alltag halt einfach nur Alltag.
Der Alltag kann oft trist und langweilig sein – es sei denn, man hört Radio 7. Das ist die Idee unserer Radio 7 Imagekampagne. Denn mit Musik und Unterhaltung werden alltägliche Situationen zu echten Highlights. So wird selbst eine anstrengende oder eintönige Tätigkeit durch Radio 7 zu einem besonderen Moment. Unsere Radio 7 Imagekampagne wurde sowohl im Bereich Out-of-Home (OOH) als auch online ausgespielt. Insbesondere vor der regelmäßigen Reichweiten-Befragung der deutschen Radiosender haben wir mit einer gezielten Imagekampagne für den meistgehörten Privatsender geworben.
Hier ist und war sich die Weberberg.de Redaktion sehr schnell im Klaren (und dabei bei einigen Klaren!) darüber, dass hier noch weiteres Potential (drin-) steckt (sic!) – Best of:
Kacken ohne Radio 7 ist halt doch immer noch nur Kacken!
Langeweile ohne Radio 7 bleibt leider doch Langeweile!
Ja, und hier lieber Leser setzt nun ihre eigene Fantasie ein: Ist Sex ohne Radio 7 leider doch nur Sex? Sie merken schon, da ist doch noch einiges möglich. Natürlich auch die Frage, wenn der Alltag oft trist ist – ist das dann nicht auch bei Radio 7 selbst so? Denn Radio 7 als Bestandteil des Alltags oder des Höreralltags – Ähm sorry ja gut das ist vielleicht doch zu kompliziert… Lassen wir das.
Fragen wir anders: Nehmen wir an, der Hörer will gerade mal entspannen und dann trötet einem ein Song ins Ohr (im Übrigen natürlich einer der Besten der Besten der Besten Jahre zwischen Corona und der Gegenwart) den man absolut nicht ab kann, oder hasst – wird dann der Alltag nicht zur Hölle? Will man das? Naja manche vielleicht:
Wir sind die ATTACKE Werbeagentur in Ulm. Wir schaffen progressive Werbung, Kampagnen, Branding, Websites und Corporate Design. Schönheit und Kraft haben Kinder bekommen: unsere Ideen.
Eine hübsche Idee in Fortsetzung ist der (neudeutsch und in Fachsprache gesetzte) Störer: „Jetzt noch besser!“ – Das ist natürlich bei einem Radioprogramm nun schon ein Novum. Radioprogramme verhalten sich ja ähnlich wie Pizza oder Brotaufstrich – Sie wissen schon auch Milkaschokolade ist ja auch im vergangenen Jahr deutlich besser geworden, also in dem Fall leichter und handlicher, bei noch kleinerem Kakaoanteil. Da waren viele begeistert. Aber das ist natürlich soooo nicht vergleichbar! Eigentlich ein schlechtes Beispiel von uns. Aber was ist denn nun eigentlich bei Radio 7 besser geworden?
Mehr aktuelle Hits, Mehr Musik und Mehr Spass!
Okay also das bedeutet ja eigentlich dann auch mehr Sendezeit? Oder ist da was anderes WENIGER geworden? Und wenn wir wie Amelie Pachulke jetzt noch Erbsen zählen, ist die Frage: Sind aktuelle Hits nicht auch Musik? Und wie kann mehr Spass da sein, wenn mehr Musik kommt? Also mehr Musik heißt weniger Wort, weniger Wortbeiträge – wo soll denn dann mehr Spass herkommen? Oder ist die Musik der Spass? Naja, Spass vielleicht, aber MEHR Spass? Retzel über Retzel über und um eine rundum attackierende und vielleicht auch ein wenig sinnfreie Werbekampagne.
Okay, an dieser Stelle mag ich RADIO7 mal in Schutz nehmen. Was Du hier beschreibst lieber Chefkritiker Gaspard trifft nämlich für jede Art der Werbung zu.
Ich hol dann mal kurz aus… Woher kommt eigentlich Werbung?
Urform ist die Brautwerbung. Beispiel: Der Kreuzschnabel Blaustirn Gimpel will schnaxeln und baut sich vor der nächstbesten Gimpelin auf, macht Männchen, spreizt alle seine Federn, macht sich groß. Die Botschaft: Nimm mich ich bin der Grösste. In ähnlicher Art und Weise findet das übrigens auch bei den Menschenmännchen statt. ….(Aber das ist eine andere Geschichte)
Über allem steht jedoch der Überbegriff Marketing. Und Marketing ist die Wissenschaft der Manipulation des Käuferverhaltens unter Zuhilfenahme der menschlichen Grundbedürfnisse :
1) Existentielle Grundbedürfnisse: Nahrung,Flüssigkeit,Kleidung, Wohnung
2) Sicherheitsbedürfnisse: Schutz, Gesundheit
3) Soziale Bedürfnisse: Freunde, Partner, Zugehörigkeit, Kommuniktion
4) Psychologische Bedürfnisse: Anerkennung, Prestige, Selbstverwirklichung
5) Funktionale Bedürfnisse: Zeitersparnis, Bequemlichkeit, Geld sparen, Einfachheit.
Das ist der Baukasten aus dem sich Marketing- und Werbestrategen ganz einfach bedienen, egal um welches „Produkt“ es sich handelt denn ein Produkt ist alles was verkauft werden will, vom Waschmittel übers Auto, zur Zeitung bis zum Radio und egal an welche Zielperson, denn jede Zielperson kann über die Grundbedürfnisse definiert werden.
Die Kernaussage für alle Marketingstrategien ist: Kaufe dies und Dein Leben wird besser!
Waschmittel: Wasch damit Deine Wäsche und alle haben Dich lieb weil Du so gut riechst:
Parfüm und Mode: Zielperson Mann: Kauf das und Du kannst jede Frau… siehe Gimpel! Zielperson Frau: Kauf dies und Du bist die Schönste, jeder Mann wird …. Dir Komplimente machen!
Medizin: Friss das und Du wirst unsterblich…usw.
Also es ist eine einfache Methode um Leute zu beflunkern und Umsatz zu machen. Werbung ist also nichts anderes als eine dreiste Lüge!
Sollte man sie deshalb verbieten? Nö. Fakt ist ja auch: die Konsumenten wollen belogen werden, weil sie Konsum als ausgleichende Belohnung für Ihr anstrengendes Leben bewerten.
Der Staat sollte aber dann regulierend eingreifen wenn es sich um Verbrauchertäuschung handelt und wenn die Zielpersonen Kinder sind, weil das ist unanständig und höchstkriminell. (Macht der Staat nicht….. aber das ist eine andere Geschichte)
Zurück zum Thema RADIO7 Werbung : Radio ist für eine Werbeagentur schwierig. Radio finanziert sich ja über den Verkauf von Sendezeit an die werbende Wirtschaft. Und für die ist die relevante Zielgruppe die 19-49 Jährigen.
Aber diese Gruppe ist nicht eindeutig definierbar nach Grundbedürfnissen. Ausserdem kann Radio die üblichen Grundbedürfnisse gar nicht beliefern.
Was sind also die Gemeinsamkeiten dieser Gruppe? Sie hören Radio im Alltag, beim Autofahren, Arbeiten, Relaxen… etc
So gesehen finde ich den Slogan „OHNE RADIO7 IST AUTOFAHREN NUR AUTOFAHREN“ eigentlich ganz gut! Er klingt nicht manipulierend, lügt nicht , ist ein bisschen witzig und sagt trotzdem was aus! Völlig bescheuert finde ich natürlich den Zusatz: „MEHR AKTUELLE HITS, MEHR MUSIK , MEHR SPASS“… das ist so ein doofer nichtssagender Maximalismus wie die Werbung vom Schuhaus Latschengruber in Hintertupfing : „DIE BESTE AUSWAHL BEI DEN BESTEN PREISEN!“ Gääääähn!!!
EPILOG: Als Radiofuzzi der ersten Stunde sehe ich allerdings schweren Herzens die reale Entwicklung des Radios. Denn RADIO ist heutztage nur noch ein „PRODUKT“ das sich den Gesetzen der Marketingstrategien unterwerfen muss… und der Hörer ist zum Klick- und Quotenbeschaffer degradiert.
Die ehemalige empathische Ansprache der Moderatoren an den Hörer heißt heute wording und ist reduziert auf marketinggerechtes beweihräuchern der eigenen Promotion Aktionen, weil die natürlich die besten sind!!.
Humanistische Werte und respektoller Umgang unter Menschen zählt nicht mehr, wird niedergewalzt von Quotenzählerei und Rentabilitätsmathematik.
Das ist jetzt nur die Meinung eines bekennenden Alt-Hippies….. (……aber das ist eine andere Geschichte!)