Heute: 28. Okt., 2026

Kultur braucht keine Erlaubnis –warum das AI Filmfestival keine Konkurrenz ist

Regio-TV "Journal"
von
vor 6 Stunden

Ein Kommentar von Tobias Meinhold

Manchmal sagt eine kulturpolitische Debatte mehr über die Haltung der Beteiligten aus als über die Sache selbst. Die Diskussion um das neue AI Filmfestival und die Biberacher Filmfestspiele scheint mir ein solcher Fall zu sein.

Da entsteht in Biberach ein neues Kulturformat, das sich einer der spannendsten und zugleich umstrittensten Entwicklungen unserer Zeit widmet: dem Einsatz Künstlicher Intelligenz im Film. Ein Festival, das neue technische Möglichkeiten, künstlerische Experimente und gesellschaftliche Fragen zusammenbringt.

Ein Festival, das internationale Filmschaffende nach Biberach holt und sich mit einer Zukunft auseinandersetzt, die längst begonnen hat. Und statt zunächst die Chancen zu sehen, wird darüber diskutiert, warum es dieses Festival überhaupt geben darf, warum es zeitgleich stattfindet und weshalb die Veranstalter nicht vorher um Abstimmung gebeten haben.

Da muss man sich schon fragen: Wem gehört eigentlich die Kultur einer Stadt?

Meine persönliche Vorbemerkung: Die Filmfestspiele liegen mir am Herzen

Bevor ich über das AI Filmfestival und die aktuelle Diskussion schreibe, möchte ich etwas klarstellen, das mir persönlich sehr wichtig ist: Ich bin den Biberacher Filmfestspielen seit vielen Jahren eng verbunden. Von 2014 an war ich Teil dieser Veranstaltung – zunächst als Mitglied der Publikumsjury, anschließend ab 2015 für zwei Jahre als Pressesprecher mit Verantwortung für Pressearbeit und Marketing. Von 2017 bis 2023 durfte ich schließlich als Vorsitzender die Biberacher Filmfestspiele leiten und ihre Entwicklung über viele Jahre mitgestalten.

Ich kenne dieses Festival nicht nur als Zuschauer. Ich kenne seine Strukturen, seine Herausforderungen, seine Chancen und die enorme Arbeit, die hinter einer solchen Veranstaltung steckt. Ich weiß, wie viel Herzblut, Zeit und persönliches Engagement notwendig sind, um Filmfestspiele auf die Beine zu stellen und über Jahre hinweg weiterzuentwickeln.

Diese Zeit hat mich geprägt. Und meine Verbundenheit mit den Biberacher Filmfestspielen ist nicht einfach mit dem Ende meiner Amtszeit verschwunden.

Deshalb möchte ich eines unmissverständlich sagen: Mir würde nichts mehr wehtun, als wenn der Eindruck entstünde, ich wollte den Biberacher Filmfestspielen mit dem AI Filmfestival schaden. Das Gegenteil ist der Fall. Ich wünsche den Filmfestspielen Erfolg, ein begeistertes Publikum und eine gute Zukunft. Ihre Bedeutung für Biberach stelle ich überhaupt nicht infrage.

Gerade deshalb irritiert mich die Art, wie die aktuelle Situation öffentlich dargestellt wird. Denn ich empfinde das Verhältnis zwischen den beiden Veranstaltungen nicht als einen Streit. Wir haben ein neues Festival auf den Weg gebracht, das sich einem anderen Schwerpunkt widmet. Dass darüber unterschiedliche Auffassungen bestehen können, ist völlig legitim. Aber eine unterschiedliche Auffassung ist noch lange kein Streit.

Wenn bereits eine Überschrift einen Konflikt zwischen zwei Kulturveranstaltungen suggeriert, den ich selbst so nicht empfinde, halte ich das für eine problematische Zuspitzung. Eine journalistische Überschrift prägt, wie Leserinnen und Leser eine Situation wahrnehmen. Umso wichtiger wäre es, zwischen einer kritischen Diskussion und einem tatsächlichen Streit zu unterscheiden.

Ich möchte hier niemandem seine Wahrnehmung absprechen. Aber ich möchte auch nicht, dass aus der bloßen Existenz unseres Festivals eine Konfliktgeschichte gemacht wird, in der ich mich und unsere Mitstreiter nicht wiederfinden.

Zunächst einmal sollten wir die Größenverhältnisse nicht aus den Augen verlieren. Die Biberacher Filmfestspiele sind eine etablierte Institution mit einer langen Geschichte, einem gewachsenen Publikum, bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern und einer großen Bedeutung für die Stadt. Das ist gut so. Diese Arbeit verdient Anerkennung, und niemand von uns hat ein Interesse daran, diese Tradition infrage zu stellen.

Unser AI Filmfestival hingegen ist ein neues, bewusst spezialisiertes Format. Wir zeigen 89 internationale Filme, die sich mit den Möglichkeiten des KI-gestützten Filmemachens beschäftigen. Unsere Veranstaltungen finden in einem ganz anderen Rahmen statt, vor allem in der Stadtbuchhandlung Biberach. Wir beanspruchen weder die Infrastruktur noch die Reichweite oder die Aufmerksamkeit, über die die traditionellen Filmfestspiele verfügen.

Wir treten nicht an, um den Biberacher Filmfestspielen Besucher wegzunehmen. Wir wollen ein Publikum erreichen, das sich für neue Formen des Filmemachens interessiert, und Menschen mit einer Entwicklung in Berührung bringen, die die Filmbranche nachhaltig verändern könnte.

Natürlich können sich Interessen überschneiden. Natürlich können Besucherinnen und Besucher entscheiden müssen, welche Veranstaltung sie besuchen. Das gehört zum Kulturleben dazu. Aber aus einer möglichen Überschneidung eine grundsätzliche Konkurrenz zu konstruieren, greift zu kurz.

Nicht alles, was gleichzeitig stattfindet, steht miteinander im Wettbewerb. Und nicht alles, was neu ist, nimmt dem Bestehenden etwas weg, denn: Kultur ist kein geschlossener Club!

Besonders irritiert mich die Erwartung, wir hätten vorab das Gespräch mit dem Verein der Biberacher Filmfestspiele suchen müssen, um unser Festival zeitlich abzustimmen.

Ein Gespräch zwischen Kulturveranstaltern kann sinnvoll sein. Kooperation, gegenseitige Rücksichtnahme und ein offener Austausch sind grundsätzlich wünschenswert. Auch wir sind für Gespräche offen. Aber daraus lässt sich kein Anspruch ableiten, dass ein etabliertes Festival über die zeitliche Planung eines anderen Kulturformats mitentscheiden darf.

Wir haben ein eigenständiges Festival konzipiert, organisiert, finanziert und mit Partnern auf den Weg gebracht. Wir haben uns künstlerisch mit einem Thema auseinandergesetzt, das bislang auf deutschen Filmfestivals nur selten einen vergleichbaren Raum erhält.


Dafür braucht es weder eine künstlerische Erlaubnis noch die vorherige Zustimmung einer anderen Institution.

Kunst und Kultur leben von Freiheit, Eigeninitiative und manchmal auch davon, dass Menschen Dinge wagen, die es bisher noch nicht gegeben hat. Wer neue Formate erst dann akzeptieren möchte, wenn sie mit allen etablierten Strukturen abgestimmt sind, macht kulturelle Entwicklung unnötig abhängig von bestehenden Machtverhältnissen. Das kann nicht der Anspruch einer offenen Kulturlandschaft sein.

Warum sollte Biberach nicht mehrere Filmfestivals vertragen?

Wer in größere Filmstädte blickt, weiß, dass Filmkultur aus einer Vielzahl unterschiedlicher Formate besteht. Internationale Festivals, Dokumentarfilmfestivals, Kurzfilmfestivals, Genrefestivals, Nachwuchsformate und Veranstaltungen zu neuen Technologien existieren dort nebeneinander. Sie haben unterschiedliche Zielgruppen, Profile und künstlerische Ansprüche.

Nicht jedes Festival muss dieselben Filme zeigen. Nicht jedes Festival muss dieselben Menschen ansprechen. Und nicht jedes Festival muss die gleiche Größe erreichen, um seine Berechtigung zu haben.

Gerade in einer Zeit, in der sich das Medium Film durch technologische Entwicklungen verändert, braucht es Räume für Experimente. Das AI Filmfestival möchte zeigen, welche Möglichkeiten entstehen, welche Grenzen sichtbar werden und welche Fragen wir uns als Gesellschaft stellen müssen.

Wir wollen nicht einfach das klassische Kino ersetzen. Wir wollen eine neue Perspektive eröffnen.

Ob KI-generierte Filme Kunst sind, wie sich Urheberschaft verändert, welche Rolle menschliche Kreativität künftig spielt und welche gesellschaftlichen Risiken entstehen, sind Fragen, über die wir diskutieren müssen. Genau dafür schaffen wir eine Plattform.

Man kann unsere künstlerischen Ansätze kritisch beurteilen. Man kann einzelne Filme ablehnen, technische Entwicklungen hinterfragen und über die Zukunft des Kinos streiten. Das alles ist legitim und sogar notwendig.
Aber ein Festival allein deshalb infrage zu stellen, weil es sich einem anderen Zugang zum Medium Film widmet, ist keine inhaltliche Auseinandersetzung. Es ist zunächst einmal eine Abwehrreaktion gegenüber etwas Neuem.

Auch das Argument, die traditionellen Filmfestspiele verdienten die volle Aufmerksamkeit der Stadt, überzeugt mich nur bedingt. Natürlich wünsche ich den Biberacher Filmfestspielen ein erfolgreiches Festival, volle Vorstellungen und ein begeistertes Publikum. Ihre Bedeutung für Biberach steht für mich außer Frage.

Aber Aufmerksamkeit ist kein Eigentum, das eine Institution exklusiv beanspruchen kann.

Eine Stadt wird kulturell nicht ärmer, wenn mehrere Veranstalter Menschen für Kunst und Film begeistern. Sie wird reicher. Unterschiedliche Angebote können neue Besuchergruppen ansprechen, Gespräche anstoßen und das Interesse am Medium Film insgesamt stärken.

Wer Kultur ernst nimmt, sollte sich deshalb nicht nur fragen, wie viel Aufmerksamkeit eine einzelne Veranstaltung erhält, sondern auch, was eine vielfältige Kulturlandschaft für eine Stadt leisten kann.

Und was die tatsächlichen Besucherzahlen betrifft: Ein neues, räumlich überschaubares Spezialfestival in einer Buchhandlung lässt sich nicht ohne Weiteres mit einer etablierten Filmveranstaltung vergleichen, die zahlreiche Spielstätten nutzt und über Jahrzehnte gewachsen ist. Unterschiedliche Formate haben unterschiedliche Dimensionen. Daraus eine Konkurrenzsituation abzuleiten, ohne die tatsächlichen Auswirkungen zu belegen, erscheint mir voreilig.

Es ist für mich eine Frage der Haltung!

Ich möchte niemandem im Vorstand der Biberacher Filmfestspiele unterstellen, aus persönlichen Motiven zu handeln. Das wäre weder fair noch hilfreich. Dennoch wirft die öffentliche Debatte eine grundsätzliche Frage auf: Wie offen ist eine etablierte Kulturinstitution gegenüber neuen Initiativen, die außerhalb ihrer eigenen Strukturen entstehen?

Wer selbst Kultur gestaltet, sollte wissen, wie viel Mut, Arbeit, finanzielles Risiko und persönliches Engagement hinter einer neuen Veranstaltung stehen. Umso mehr sollte man anderen, die ebenfalls etwas aufbauen wollen, zunächst mit Neugier begegnen.

Wenn stattdessen vor allem über fehlende Abstimmung, zeitliche Überschneidungen und Ähnlichkeiten bei der Gestaltung von Programmheften gesprochen wird, entsteht zumindest der Eindruck, dass die Existenz des neuen Formats als Problem empfunden wird.
Über gestalterische Fragen kann man reden. Über bessere Terminabsprachen für die Zukunft ebenfalls. Aber diese Punkte sollten nicht dazu führen, dass die grundsätzliche Berechtigung eines neuen Kulturangebots infrage gestellt wird.

Eine große Kulturinstitution sollte selbstbewusst genug sein, ein kleineres, anders ausgerichtetes Festival neben sich bestehen zu lassen. Größe zeigt sich nicht darin, wie erfolgreich man andere Formate auf Abstand hält, sondern darin, wie souverän man mit Vielfalt umgeht.

Corinna Palm, Uli Stöckle und ich haben das AI Filmfestival nicht ins Leben gerufen, um einen Kulturkampf in Biberach zu beginnen. Wir wollten ein neues Thema aufgreifen, internationale Filme zeigen, Diskussionen ermöglichen und Biberach als einen Ort positionieren, an dem man sich mit der Zukunft des Films auseinandersetzt.

Wir sind stolz darauf, dass wir dieses Vorhaben mit einem engagierten Team, zahlreichen Unterstützern und 89 Filmen aus aller Welt verwirklichen können. Das ist für ein neues Festival keine Selbstverständlichkeit.
Und wir sind überzeugt, dass ein solches Format seinen Platz im Kulturleben unserer Stadt haben darf.

Die Biberacher Filmfestspiele haben ihre Geschichte. Das AI Filmfestival beginnt gerade erst, seine eigene zu schreiben. Beides kann nebeneinander bestehen. Beides kann unterschiedliche Menschen begeistern.
Und beides kann dazu beitragen, dass Biberach als Kulturstadt wahrgenommen wird.

Vielleicht wäre deshalb weniger Empörung und mehr Neugier die bessere Antwort auf unser Festival. Vielleicht könnte aus einer vermeintlichen Konkurrenz sogar eine Gelegenheit entstehen, miteinander ins Gespräch zu kommen – über Film, Kunst, Technologie und darüber, wie sich Kultur in einer sich verändernden Welt weiterentwickeln kann.

Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir wieder stärker über diese gemeinsamen Interessen sprechen. Nicht, weil wir alle dieselbe Meinung haben müssen, sondern weil wir trotz unterschiedlicher Perspektiven etwas gemeinsam haben: die Überzeugung, dass Film und Kultur Menschen zusammenbringen können.

Denn am Ende sollte es nicht darum gehen, wer in einer bestimmten Woche die größte Aufmerksamkeit erhält. Es sollte darum gehen, wie viel kulturelle Vielfalt eine Stadt zulässt und ermöglicht.

Eine lebendige Kulturlandschaft braucht Tradition. Sie braucht aber ebenso Mut, neue Ideen und die Freiheit, Dinge auszuprobieren.

Wenn die Biberacher Filmfestspiele so stark sind, wie wir alle hoffen und wie ihre lange Geschichte zeigt, dann sollten sie ein neues, kleineres und thematisch völlig anders ausgerichtetes Festival nicht als Bedrohung empfinden müssen.

Sie sollten es aushalten können. Mehr noch: Sie könnten es als Zeichen dafür begreifen, dass Biberach ein Ort ist, an dem Filmkultur Zukunft hat.

Denn Kultur wird nicht größer, wenn man anderen den Raum streitig macht.

Sie wird größer, wenn man anderen Raum gibt.

Warm regards


Tobias Meinhold
AI Filmfestival
Coordination Management

Divers.Anders.Sozial.
www.ai-filmfestival.eu

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