Heute: 23. Apr., 2026

Wenn Worte zu Musik werden – Ein poetisch-jazziger Abend voller Klang und Sprache

Foto: Meinhold
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vor 27 Sekunden

Was passiert, wenn man große Namen der Literatur wie Friedrich Schiller, Bertolt Brecht oder Rainer Maria Rilke nimmt, dazu ein paar Briefzeilen von Wolfgang Amadeus Mozart und Texte des bildgewaltigen Künstlers Markus Lüpertz – und das Ganze in Jazz und Chanson verwandelt? Klingt nach einer kühnen Idee. Nach einem Experiment vielleicht. Nach etwas, das auch grandios scheitern könnte.
Tut es aber nicht. Ganz im Gegenteil.
Gestern wurde die Biberacher Stadtbuchhandlung zur Bühne für genau dieses Experiment – und das Haus war mit rund 80 Gästen restlos ausverkauft. Schon vor Konzertbeginn lag eine angenehme, fast familiäre Stimmung in der Luft: Bei Sekt, Wein, Bier und alkoholfreien Getränken wurde geplaudert, gelacht und sich auf das eingelassen, was da kommen sollte. Ein Abend, der eher nach Wohnzimmer als nach Konzertsaal roch – im besten Sinne.
Dann betraten sie die Bühne: das Duo aus Stefanie Schlesinger und Wolfgang Lackerschmid, unterstützt von Andreas von Studnitz als Rezitator. Und schnell wurde klar: Hier wird nicht einfach Musik gemacht – hier wird erzählt, verwoben, interpretiert und neu erschaffen. Die zentrale Frage des Abends – ob sich Lyrik in Jazz übersetzen lässt, ob gesungene und gesprochene Texte miteinander verschmelzen können – wurde nicht theoretisch beantwortet, sondern praktisch. Und zwar mit Nachdruck.
Stefanie Schlesinger überzeugte mit einer Stimme, die gleichzeitig warm, präzise und eindringlich ist – mal zurückhaltend erzählend, mal kraftvoll gestaltend. Wolfgang Lackerschmid zeigte am Vibraphon eindrucksvoll, warum er seit den 1970er-Jahren als Virtuose gilt: emotional, technisch brillant und immer im Dienst der Poesie. Gemeinsam entwickelten sie Klangräume, in denen Worte nicht nur vertont, sondern neu erlebt wurden.


Und dann war da noch Andreas von Studnitz: Mit feinem Gespür für Sprache und Timing setzte er die gesprochenen Texte so in Szene, dass sie nicht bloß Ergänzung waren, sondern gleichberechtigter Bestandteil des Gesamtkunstwerks. Seine Rezitationen gingen nahtlos in musikalische Improvisationen über – oder umgekehrt. Man wusste manchmal gar nicht mehr genau, wo das eine aufhörte und das andere begann. Genau darin lag der Reiz.
Das Ergebnis: ein dichtes, lebendiges Programm zwischen Chanson, Jazz und literarischer Performance. Kein Stück wirkte beliebig, nichts gekünstelt. Stattdessen: viel Liebe zur Poesie, Mut zur Interpretation und eine spürbare Freude am gemeinsamen Spiel.
Am Ende des Abends verließen die Zuschauerinnen und Zuschauer die Buchhandlung sichtlich bewegt – manche nachdenklich, viele lächelnd, alle ein wenig „beseelt“, wie man so schön sagt.
Fazit: Ja, man kann große Lyrik in Jazz kleiden. Und wie! Dieser Abend hat eindrucksvoll gezeigt, dass Literatur nicht im Buch enden muss – sondern klingen, schwingen und improvisieren kann.
Well done. Und ein großes Kompliment an die Veranstalter des Landesjazzfestivals für einen weiteren rundum gelungenen Abend.

Tobias Meinhold, KultuReservoir 

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