Traditionell weltoffen wollte die Stadt Biberach noch bis 2015 sein. Der Werbeslogan der Stadtverwaltung hat schon länger ausgedient. Und bei näherer Betrachtung war die Gegend eigentlich nie besonders „offen“. Das hat auch der Aufklärer Wieland um 1770 herum feststellen müssen und verlies völlig verärgert das „oberschwäbische Athen“ in Richtung Weimar.
Biberach hat eine lange Filmtradition. Das gilt sowohl für Aufführung als auch Produktion von Filmen. Schon kurz nach Erfindung des bewegten Bildes, 1912, besaß die Kleinstadt bereits ein Kino und der Kurzfilm Weltraumschiff 1 startet… von Anton Kutter um 1937 gilt als ein Meilenstein des deutschen Trickfilms. Seit fast einem halben Jahrhundert hat Biberach die Biberacher Filmfestspiele. Inzwischen traditionell deutsch. Klassisch. Gegründet aber 1979 als Gegenstück zu den tradierten Hofer Filmtagen mit dem damaligen Anspruch dem neuen deutschen alternativen Autorenfilm auch ein Forum zu bieten – nämlich in Biberach. Die Zeiten ändern sich.
Nun wird in diesem Jahr zum ersten Mal in Deutschland ein kleines unabgängiges Nebenfestival zu den Biberacher Filmfestspielen stattfinden, in einer Buchhandlung mit rund 70 Sitzplätzen. Das erste deutsche AI Filmfestival ist angesagt. Das parallele Sein mit künstlicher Intelligenz und die Auseinandersetzung mit ihr, ist in Cannes (World AI Filmfestival) schon seit einigen Jahren normal.
Der kritische Leser wird nun sofort richtig einwenden: Biberach ist nicht Cannes! – Stimmt. Und hier wird auch nicht unbedingt französisch gesprochen.
Das AI Filmfestival in Biberach will ergänzen und vor allem auch diskutieren. International. Denn auch das hat sich seit 1979 geändert: Film ist internationaler denn jeh. Deshalb ist die Hauptsprache des AI Filmfestivals Englisch. Zum Festival haben bereits Filmemacher oder besser gesagt Film-Creators aus China, Süd Korea und den USA zugesagt und werden nach Oberschwaben persönlich kommen. Die Macher des AI Filmfestivals wollen den Austausch, die Auseinandersetzung und den Dialog zwischen klassischer Filmwelt und der Generation AI.
Diesen Dialog will offenbar der Kinobetreiber des Biberacher Cineplex nicht. Dort finden die Biberacher Filmfestspiele statt – meist in bis zu vier, manchmal auch sechs Kinosälen über 5 Tage hinweg und einer Gesamtzuschauerzahl von bis zu 10 000. Das parallel stattfindende erste deutsche AI Filmfestival sollte nun mit einem Kinowerbespot beworben werden. Der Spot – natürlich AI generiert – verweist lediglich auf die Webseite des ergänzenden Kulturspektakels und zeigt die Initiatoren selbstironisch auf einem fliegenden Biber über dem Marktplatz. Selbstverständlich wurde der Spot FSK geprüft und auch als jugendfrei eingestuft ohne Einschränkung. Der Kinobetreiber verweigert eine Auführung des Spots. Ohne Begründung. Wohlgemerkt ist der Kinobetreiber nicht der Veranstalter der Biberacher Filmfestspiele. Die Biberacher Filmfestspiele werden von einem Verein durchgeführt, der die Kinos anmietet und der mittlerweile maßgeblich von der Stadtverwaltung Biberach geprägt wird.
Während das Kulturmagazin Kibizz und das Regionalmagazin Blix im Zusammengang mit dem AI Filmfestival von einer „Filmstadt Biberach“ oder einer „Revolution“ in der Filmwelt schreiben, zensiert und boykotiert das Biberacher Kino den AI Filmfestivalspot und verweigert eine Aufführung.
AKTUALISIERUNG: Inzwischen hat der Kinobetreiber reagiert und eine Begründung nachgeliefert. Weil KI in der Filmbranche gerade so stark umstritten diskutiert wird, wolle man nicht den Eindruck erwecken, dass man sich als Kinobetreiber durch die Aufführung des Werbespots positioniere. Sprich, offenbar hat man Angst durch die Aufführung des Spots würde der Zuschauer denken, das Cineplex finde das AI Festival toll und gut. Bei allem Respekt, aber mit diesem Argument dürfte keinerlei Werbung mehr im Kino laufen, denn egal was da auf der Leinwand flimmert, ob nun Verbrenner SUV, Zuckersirup oder Red Bull Sportevent mit Todesgefahr – alles könnte vom Zuschauer dem Kinobetreiber zugeordnet werden.
Ein weiterer Hinweis des Kinobetreibers belegt tatsächlich, dass man das AI Filmfestival als Konkurrenz ansieht. Zitat aus dem Begründungsschreiben:
Hinzu kommt, dass das beworbene Festival zeitgleich mit den Biberacher Filmfestspielen stattfindet. Als Veranstaltungsort und Partner der Biberacher Filmfestspiele sind wir unmittelbar in die Veranstaltung eingebunden. Vor diesem Hintergrund möchten wir in unseren eigenen Kinosälen keine zeitgleich stattfindende konkurrierende Filmveranstaltung bewerben.
Die internationalen Gäste die bereits in einem Biberacher Hotel eingebucht sind und die Sponsoren des AI-Filmfestivals, darunter namhafte Firmen, erleben Biberach dadurch nicht unbedingt traditionell weltoffen sondern eher traditionell geschlossen konservativ und dem Fremden abgeneigt. Passt ja auch zum Stadtslogan der seit 2015 gilt: KLEIN. stark. OBERSCHWÄBISCH. Könnte man noch ergänzen mit „Wir bleiben lieber unter uns!“ oder „Wir mögen keinen Dialog“, wahlweise „Es darf neben uns keine Festivalergänzung geben, egal wie klein sie ist!“
Die Werbung die nicht sein darf: (kann man auch runterladen)
Funfact am Rande: Der spot lief im Kino zweigeteilt, bedeutet nicht als EIN Spot sondern getrennt in AI Festival inklusive sponsoren und dann später durch weitere Werbespots getrennt der Spot „Wir machen Kultur“ – der völlig losgelöst keinerlei Veranstaltung bewirbt. Vom Kino wurden aber beide Spots abgelehnt. Ein (Kultur)Schelm der Böses dabei denkt!
Schlimmer geht’s nimmer! Mit diesem untauglichen Versuch der Vermeidung von Konkurrenz schießt man der Idee der Filmstadt Biberach endgültig ins Knie.
Handeltreibende wussten bereits im frühen 19. Jahrhundert (Quelle: ChatGPT), dass „Konkurrenz das Geschäft belebt.“ In Biberach allerdings wird dieser betriebswirtschaftliche Grundsatz schon länger negiert. Ob die Leerstände und die aktuelle Insolvenz damit im Zusammenhang stehen, darf gefragt werden.
Leute, ernsthaft: wie kann ein „Kino in einer Buchhandlung“ eine zerstörerische oder auch nur störende Konkurrenz sein?