Der Herbst, die Männer und ihre Blasgeräte
Eine herbstliche Glosse von Gaspard und Dr. ChatGPT über Laub, Lärm und die letzte Bastion der männlichen Selbstverwirklichung
Es ist wieder so weit. Kaum färbt sich das erste Blatt gelb, kaum wagt es eine freche Linde, ein paar ihrer überflüssig gewordenen Körperteile auf den Gehweg fallen zu lassen, da versammeln sie sich. Sie kommen aus Garagen, Geräteschuppen und dunklen Kellern. Sie treten aus den Schatten der Vorgärten hervor, als hätten sie jahrelang auf diesen Moment gewartet. Die Männer des Herbstes. Mit ihren Laubbläsern.
Man erkennt sie an der entschlossenen Körperhaltung, dem leicht gespreizten Stand und dem Blick eines Mannes, der endlich wieder etwas in der Hand hält, das ihm gehorcht. Ein Gerät, das Kraft hat. Das Druck erzeugt. Das auf Knopfdruck loslegt. Ein Gerät, das nicht widerspricht, keine Gegenfragen stellt und sich auch nicht darüber beschwert, dass man den Müll nicht getrennt hat.
Der Laubbläser ist weit mehr als ein Gartengerät. Er ist ein gesellschaftliches Statement, ein Symbol männlicher Selbstbehauptung und möglicherweise die letzte gesellschaftlich akzeptierte Form, mit einem motorisierten Schlauch durch die Gegend zu marschieren, ohne dass jemand die Polizei ruft.
Und welch ein Klang!
Dieses liebliche, hochfrequente Kreischen, das sich wie ein schlecht gelaunter Zahnarztbohrer durch die Straßen fräst. Dieses zärtliche Fauchen, dieses wollüstige Aufheulen des Motors, wenn der Zeigefinger den Gashebel berührt. Ein akustisches Vorspiel, gefolgt von der vollen Entfaltung technischer Potenz. Zwei-Takt, Viertakt, Akku – die Unterschiede sind nebensächlich. Entscheidend ist, was hinten rauskommt.
Die heimliche Erotik dieser Maschinen ist nicht zu unterschätzen. Es ist eine eher verschämte, verborgen männliche Erotik, die sich vorzugsweise am frühen Samstagmorgen entfaltet, wenn die Nachbarschaft noch schläft und die Welt für einen kurzen Augenblick den Eindruck erweckt, sie könnte friedlich sein. Dann ertönt das erste Röhren. Ein Mann hat seinen Platz in der Schöpfung wiedergefunden.
Er beugt sich leicht nach vorn. Er schwenkt das Gerät. Er führt den Luftstrahl mit einer Mischung aus Präzision und Hingabe über den Gehweg. Das Laub tanzt. Die Blätter wirbeln auf. Für einen Augenblick sieht es aus wie ein choreografiertes Ballett der Natur, dirigiert von einem Mann, der sonst nicht einmal eine Fernbedienung ohne Bedienungsanleitung beherrscht.
Und wie fröhlich dabei die Ventilatoren auf Höchstleistung summen! Tausende Umdrehungen pro Minute, Millionen Kubikmeter heiße Luft im übertragenen Sinne, ein mechanischer Freudentaumel, der sich in Dezibel messen lässt. Man könnte meinen, die Menschheit habe endlich eine Technologie gefunden, mit der sich das Universum beeindrucken lässt. Dabei wird lediglich eine Handvoll Buchenlaub vom linken Rand des Gehwegs an den rechten Rand befördert.
Denn genau darin liegt die eigentliche Magie des Laubbläsers: Er löst kein Problem. Er verlagert es.
Ein Blatt liegt auf dem Gehweg. Der Mann startet die Maschine. Das Blatt fliegt auf die Straße. Der nächste Mann startet seine Maschine und befördert es zurück auf den Gehweg. Ein dritter Mann, ausgestattet mit einem leistungsstärkeren Gerät, schleudert es über den Gartenzaun des Nachbarn. Dort wartet bereits der nächste Spezialist auf seinen Einsatz.
So entsteht ein gewaltiger Verschiebebahnhof der Klimaprobleme. Die Blätter reisen von Grundstück zu Grundstück, von Bordstein zu Bordstein, von Verantwortung zu Verantwortung. Nur eines geschieht zuverlässig nicht: Sie verschwinden nicht.
Es ist ein Kreislauf von geradezu biblischer Schönheit. Die Natur produziert Laub. Der Mensch produziert Lärm. Die Natur produziert weiteres Laub. Der Mensch kauft einen stärkeren Laubbläser.
Und während in internationalen Konferenzen über die Erderwärmung, den CO₂-Ausstoß und die Zukunft unseres Planeten beraten wird, stehen in deutschen Wohngebieten kleine, private Klimagipfel auf zwei Beinen. Dort wird mit vollem Einsatz fossile Energie in Bewegung, Lärm und warme Abluft verwandelt. Man könnte das für eine besonders absurde Form des Klimaschutzes halten: Wir bekämpfen die Folgen des Klimawandels, indem wir ihn im Vorgarten noch ein wenig beschleunigen.
Natürlich gibt es inzwischen Akkugeräte. Sie sind leiser, sauberer und umweltfreundlicher. Aber sie nehmen der Sache auch etwas von ihrer archaischen Wucht. Ein Akku-Laubbläser klingt, als würde ein elektrischer Rasierapparat versuchen, einen Teppich zu überzeugen. Ein Benziner dagegen hat Charakter. Er röhrt. Er stinkt. Er verkündet seine Existenz mit der Entschlossenheit eines Kleinflugzeugs, das sich auf einem Reihenhausgrundstück verirrt hat.
Dabei ist die Frage erlaubt, warum uns die Blätter überhaupt so sehr stören.
Blätter fallen im Herbst von den Bäumen. Das ist keine Fehlfunktion der Natur. Es ist auch kein kommunaler Notstand. Es ist ein Vorgang, der sich seit Millionen Jahren bewährt hat, lange bevor der erste deutsche Vorgartenbesitzer die Existenz eines Besens entdeckte.
Die Blätter fallen, weil der Baum sie nicht mehr braucht. Sie liegen herum, weil die Natur keinen Hausmeister bestellt hat. Sie verrotten, nähren den Boden, bieten Kleinstlebewesen Unterschlupf und erfüllen damit einen biologischen Auftrag, von dem sich der Mensch einiges abschauen könnte: nämlich nicht jeden Herbst aufs Neue so zu tun, als sei das Ende der Ordnung gekommen.
Aber nein. Ein einziges Blatt auf einer gepflasterten Einfahrt reicht aus, um eine ganze Kette existenzieller Reaktionen auszulösen. Der Besitzer blickt aus dem Fenster. Er sieht das Blatt. Das Blatt liegt schief. Es liegt nicht nur schief, es liegt demonstrativ schief. Es liegt dort, als wolle es die Autorität des Hauses infrage stellen.
Der Mann zieht die Jacke an.
Fünf Minuten später dröhnt der Motor.
Eine halbe Stunde später ist der Gehweg sauber, die Straße voll und das Blatt drei Häuser weiter wieder aufgetaucht. Die Welt ist gerettet. Bis zum nächsten Windstoß.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis dieser herbstlichen Rituale. Der Laubbläser ist die perfekte Maschine für eine Gesellschaft, die nicht mehr weiß, wohin mit ihren Problemen. Er macht aus einem natürlichen Vorgang eine technische Herausforderung, aus einer Kleinigkeit einen Einsatz und aus einem Mann einen Einsatzleiter.
Er schafft Beschäftigung, wo Gelassenheit genügen würde. Er erzeugt Lärm, wo Stille möglich wäre. Er verbrennt Energie, um etwas zu bewegen, das sich von selbst bewegt hat.
Und er gibt uns die tröstliche Gewissheit, dass wir wenigstens irgendetwas unter Kontrolle haben. Wenn schon das Klima verrücktspielt, die Weltpolitik aus dem Ruder läuft und die Digitalisierung selbst den eigenen Toaster intelligenter macht als seinen Besitzer, dann muss wenigstens das Blatt vor der Garage weichen.
So werden wir auch in diesem Herbst wieder Zeugen des großen Blasens. Die Männer werden ihre Maschinen aus den Kellern holen, die Ventilatoren werden fröhlich aufheulen, und die Luft wird erfüllt sein von diesem unverwechselbaren Sound deutscher Ordnungsliebe.
Am Ende des Tages werden die Straßen vielleicht sauberer aussehen. Die Blätter werden an anderen Stellen liegen. Die Luft wird ein wenig mehr nach Abgas riechen. Und irgendwo wird ein Mann zufrieden seinen Laubbläser abstellen, ihn mit einem Tuch abwischen und zurück in die Garage tragen.
Er wird sich umdrehen, noch einmal auf den leeren Gehweg schauen und denken: Das habe ich gut gemacht.
Dann fällt ein Blatt vom Baum.
Ganz leise.
Fast unhörbar.
Und irgendwo in der Garage beginnt ein Motor zu träumen.