Das folgende Essay ist natürlich mit größter Skepsis zu lesen, Biberach-Fans, Hardcore Eingeborene und Beratungsresistente müssen hier wirklich stark oder sediert sein. Denn angenehm ist es sicher nicht für alle.
Beginnen wir mit der Standardthese des Biberachers: Wir sind toll. Im Detail heißt das, uns geht es gut, wir haben Geld, tolle Firmen, quasi Vollbeschäftigung, das Schützenfest, das Christkindlerunterlassen, einen Marktbrunnen, den Knauzenwecken, die Fastenbrezel, ein Freibad, den Dram, das Schützentheater, die Schützendirektion, den Spital und den (blöden) Wieland. Das reicht. Eigentlich.
Okay, dann gibt es da die andere Seite: Leerstände. Tote Hose in der Innenstadt ab 21 Uhr. Immer wieder reichlich absurde Ausreißer, wie zum Beispiel undurchsichtige Umleitungen, Schilderwälder, Vorgaben die niemand versteht oder verstehen will, Regelungen die leicht an Schilda erinnern oder auch wilde Verschönerungen, damit auch was getan ist. Radikalsanierungen, Bauvorhaben die Ulmer Tore zum schiefen Turm von Pisa machen oder Stadthallen die alle paar Jahre renoviert werden müssen. Mitarbeiter die neue Tonanlagen beantragen auch weil es scheinbar keine Ersatzteile mehr gäbe. Zusammenfassend könnte man die Gegenthese auf den Punkt bringen: Die Biberacher Kinder sind ein bisschen anders als andere Kinder, sie haben ihre eigene (durchaus manchmal auch liebenswerte) Realität.
Wagt man den Blick über den Tellerrand – zum Beispiel in kleinere Orte wie Weißenhorn (bei Neu-Ulm) oder Pfullendorf (Richtung Bodensee) könnte man überrascht werden. Beide Orte sind allenfalls halb so groß wie Biberach an der Riß, haben beide bei weitem nicht diese industrielle und finanzielle Potenz und dennoch ist da einiges anders und durchaus bemerkenswert. Deutlich weniger Leerstände, zumindest für den Besucher sofort ersichtlich. An beiden Standorten hat sich die Hausbrauerei „Barfüßer“ niedergelassen und betreibt dort als Franchiser nicht nur jeweils ein für die Ortschaften riesiges Lokal, sondern auch Hotels. Das ist extrem überraschend. Betritt man eines der Lokale fragt man sich zunächst wie das tragfähig sein kann: Rund 300 Plätze auf gefühlten 500 Quadratmetern in einer rund 15 000 Bürgern zählender Gemeinde? Da müsste doch die Pleite vorprogrammiert sein. Gehen sie mal um 17 Uhr an einem Donnerstag durch Biberacher Kneipen und Restaurants – wenn sie da belebte Häuser finden, ich wäre überrascht. Auch um 18 Uhr 30 werden sie wohl kaum Schwierigkeiten haben irgendwo in BC was zu finden, wo sie sich hinsetzen könnten um zu essen. Sowohl in Pfullendorf wie auch in Weißenhorn könnte es dagegen im jeweiligen Barfüßer eng werden: Ohne Tischreservierung geht da praktisch nichts. Tatsächlich hatte die weberberg.de Redaktion jeweils das Glück dort als Crew einer Veranstaltung zu sein. Und da kommt man schon ins Grübeln: Ab 18 Uhr 30 ist in beiden Niederlassungen High Life. Der Service? Unglaublich: Von der Bestellung bis zum gemeinsamen Essen (6 Personen) rund 15 Minuten – trotz vollem Haus. Anlieferung der Gerichte: Zeitgleich, mehrfaches nachfragen ob alles in Ordnung ist. Personalnot? Offensichtlich nicht vorhanden. Extrem zuvorkommend. Auch als Veranstalter unvergleichbar mit Biberacher Verhältnissen, in diesen kleinen Orten wird man tatsächlich gewertschätzt. Wer dort gebucht wird, bekommt sozusagen einen roten Teppich gleich mitgeliefert. Was hat die Weberbergredaktion da denn gemacht, in diesen Barfüßern? Die Technik für eine Poetry Night Show. Schon das ein ziemliches Novum, ein Testballon der Franchisekette, um ein Zusatzangebot an Kultur zu bieten.
Zurück zur Stadtkultur: Wie kann es sein, dass zwei Kleinstädte sich sowas leisten können? Eine kaum leerstehende Innenstadt und eine gut bürgerliche Restaurant- und Hotelkette die ganz offensichtlich auch noch funktioniert? Natürlich haben wir hier in Biberach das Aiden, den Kapuzinerhof und andere – tatsächlich im Vergleich – eher kleinere Hotels und Restaurants. Interessant ist, dass wir in Biberach auch einen Barfüßer hätten haben können. Dabei geht es gar nicht um dieses Unternehmen an sich, ob das nun Barfüßer wäre oder von mir aus auch eine imaginäre Kette wie Freds Grillbar – völlig egal. Es geht um den kulturellen, gemeinschaftlichen Bonus, den Belebungsfaktor, die Treffpunktqualität. Der Barfüßer wollte auf den Schadenhof und das ehemalige Café Keller „beleben“. Das wurde abgelehnt, eine wie vom Barfüßer angeforderte Außenbestuhlung war wohl aus städtebaulicher Sicht nicht möglich… Auch eine Ansiedlung im Kundrath Areal war dann nicht möglich. Vieles ist ganz offensichtlich in Biberach erstmal „nicht möglich“! Auch das Kulturzentrum Weberstieg war ja nicht möglich – gut das ist schon über 10 Jahre her. Aktuell ist der Umbau des ehemaligen Schlachthofes in eine Kulturstätte vorläufig (seit 3 Jahren in Arbeit) nicht möglich. Nicht möglich ist eine eche Baumbepflanzung des Marktplatzes, eine Sanierung von drei alten Mietshäusern auf dem Mittelberg (lohnt ja nicht), eine Spontanbelegung städtischer Räume für Veranstaltungen oder Parties (teilweise Auswahlverfahren und Bewerbung nötig!), eine Maßnahme gegen die Taubenplage, eine Renovierung des Toilettenhäuschens am Bahnhof (300 000 Mark Baukosten waren das mal – Bürgerdebatte: Luxusklo in den 90er Jahren!) und so weiter und so weiter.
Was ist dafür möglich? Möglich ist eine Debatte, ob ein 8 stöckiges Häuschen gegenüber des Biberkellers gefallen könnte, ob der Gestaltungsbeirat wichtiger ist als der Gemeinderat oder Bauausschuss, ob ein Brunnen, der wie ein Mülleimer aussieht, stehenbleibt oder nicht und ob Parkplätze auf dem Gigelberg für Mitarbeiter von Bekleidungshäusern ausreichend vorhanden sind. Möglich ist ein Stand auf der CMT Messe in Stuttgart, ein Vesperkörbchen, die Beklebung von Schaufenstern leerstehender Geschäfte, eine Aktualisierung von praktisch oft ungenutzten Tonanlagen der Gigelberghalle, des Komödienhauses, das Abgreifen von Landesförderungen für Klimabegrünung – genutzt für Gigelbergentwässerungsbereiche mit Steinchen und Legalisierungsgrün, eine Neugestaltung des Lindeles und Bäume am Flugplatz und möglich sind auch Planungspannen am Brückenbau oder der Rollinstraße.
Merkwürdig, denn eigentlich könnte man ja Vieles in dieser unserer Stadt. Viel Gutes. Stattdessen bleibt der Eindruck: Dieses Viele wird gerne verhindert. Warum auch immer. Dann werden Sachverhalte priorisiert die eigentlich nur Wenige oder sogar nur Einzelne betreffen. Pfründe werden verteidigt, Ideen – wenn sie eigene Einflussnahme oder Interesen beschädigen könnten – werden abgetan, oder gar nicht erst ernst genommen. Risikobereitschaft gehört zum Wandel. Wandel ist nötig – nicht unbedingt Fortschritt und Wachstum – Wandel. Und irgendwie mag man das scheinbar im Athen an der Riß nicht so gern. Aber das hatte schon Wieland erkannt. Doof, dass diese Zecke der Aufklärung ausgerechnet hier gewesen sein musste. Es wäre viel einfacher, hätte es den nicht gegeben.
Intro für eine interaktive Wielandanwendung 1996 von der Medienwerkstatt Biberach für das Wielandarchiv produziert, mit Ausschnitten von H. D. Hüsch.
Herzlichen Dank für die umfassende Sammlung und das Verfassen dieser Nachricht.
Das manches hier nicht stimmt, bzw. stimmig ist, ist Vielen schon länger klar. Befunde dafür sind reichlich beschrieben. Vielleicht setzen sich doch mal genau die zusammen und versuchen, aus diesen und weiteren „Befunden“ eine sachgerechte Diagnose zu formulieren?
Anschließend sollten Lösungen (eine Therapie) ohne ideologische und individuelle Scheuklappen möglich sein.
Wer schiebt es an? Mir fällt als erstes der OB ein.
Es gibt eine von der Stadt Biberach beauftragte Innenstadtstudie, Kostenpunkt ca. 220.000€ und, darin wird exakt dies beschrieben.
Mist – Da hätte ich das früher schreiben sollen, hätte sich gelohnt! Mannomann. Da hätten wir für Amelie Pachulke einen richtig guten Bürosessel kaufen können!
sag ih doch