{"id":22039,"date":"2026-10-15T09:06:57","date_gmt":"2026-10-15T07:06:57","guid":{"rendered":"https:\/\/weberberg.de\/?p=22039"},"modified":"2026-10-15T09:06:58","modified_gmt":"2026-10-15T07:06:58","slug":"die-laubblaeser-saison-ist-wieder-da-morgendliches-singen-und-lustiges-laermen-in-den-staedtischen-marktbueschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/2026\/10\/15\/die-laubblaeser-saison-ist-wieder-da-morgendliches-singen-und-lustiges-laermen-in-den-staedtischen-marktbueschen\/","title":{"rendered":"Die Laubbl\u00e4ser Saison ist wieder da! Morgendliches Singen und lustiges L\u00e4rmen in den st\u00e4dtischen Marktb\u00fcschen&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Der Herbst, die M\u00e4nner und ihre Blasger\u00e4te<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine herbstliche Glosse von Gaspard und Dr. ChatGPT \u00fcber Laub, L\u00e4rm und die letzte Bastion der m\u00e4nnlichen Selbstverwirklichung<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist wieder so weit. Kaum f\u00e4rbt sich das erste Blatt gelb, kaum wagt es eine freche Linde, ein paar ihrer \u00fcberfl\u00fcssig gewordenen K\u00f6rperteile auf den Gehweg fallen zu lassen, da versammeln sie sich. Sie kommen aus Garagen, Ger\u00e4teschuppen und dunklen Kellern. Sie treten aus den Schatten der Vorg\u00e4rten hervor, als h\u00e4tten sie jahrelang auf diesen Moment gewartet. Die M\u00e4nner des Herbstes. Mit ihren Laubbl\u00e4sern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man erkennt sie an der entschlossenen K\u00f6rperhaltung, dem leicht gespreizten Stand und dem Blick eines Mannes, der endlich wieder etwas in der Hand h\u00e4lt, das ihm gehorcht. Ein Ger\u00e4t, das Kraft hat. Das Druck erzeugt. Das auf Knopfdruck loslegt. Ein Ger\u00e4t, das nicht widerspricht, keine Gegenfragen stellt und sich auch nicht dar\u00fcber beschwert, dass man den M\u00fcll nicht getrennt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Laubbl\u00e4ser ist weit mehr als ein Gartenger\u00e4t. Er ist ein gesellschaftliches Statement, ein Symbol m\u00e4nnlicher Selbstbehauptung und m\u00f6glicherweise die letzte gesellschaftlich akzeptierte Form, mit einem motorisierten Schlauch durch die Gegend zu marschieren, ohne dass jemand die Polizei ruft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und welch ein Klang!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses liebliche, hochfrequente Kreischen, das sich wie ein schlecht gelaunter Zahnarztbohrer durch die Stra\u00dfen fr\u00e4st. Dieses z\u00e4rtliche Fauchen, dieses woll\u00fcstige Aufheulen des Motors, wenn der Zeigefinger den Gashebel ber\u00fchrt. Ein akustisches Vorspiel, gefolgt von der vollen Entfaltung technischer Potenz. Zwei-Takt, Viertakt, Akku \u2013 die Unterschiede sind nebens\u00e4chlich. Entscheidend ist, was hinten rauskommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heimliche Erotik dieser Maschinen ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Es ist eine eher versch\u00e4mte, verborgen m\u00e4nnliche Erotik, die sich vorzugsweise am fr\u00fchen Samstagmorgen entfaltet, wenn die Nachbarschaft noch schl\u00e4ft und die Welt f\u00fcr einen kurzen Augenblick den Eindruck erweckt, sie k\u00f6nnte friedlich sein. Dann ert\u00f6nt das erste R\u00f6hren. Ein Mann hat seinen Platz in der Sch\u00f6pfung wiedergefunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er beugt sich leicht nach vorn. Er schwenkt das Ger\u00e4t. Er f\u00fchrt den Luftstrahl mit einer Mischung aus Pr\u00e4zision und Hingabe \u00fcber den Gehweg. Das Laub tanzt. Die Bl\u00e4tter wirbeln auf. F\u00fcr einen Augenblick sieht es aus wie ein choreografiertes Ballett der Natur, dirigiert von einem Mann, der sonst nicht einmal eine Fernbedienung ohne Bedienungsanleitung beherrscht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wie fr\u00f6hlich dabei die Ventilatoren auf H\u00f6chstleistung summen! Tausende Umdrehungen pro Minute, Millionen Kubikmeter hei\u00dfe Luft im \u00fcbertragenen Sinne, ein mechanischer Freudentaumel, der sich in Dezibel messen l\u00e4sst. Man k\u00f6nnte meinen, die Menschheit habe endlich eine Technologie gefunden, mit der sich das Universum beeindrucken l\u00e4sst. Dabei wird lediglich eine Handvoll Buchenlaub vom linken Rand des Gehwegs an den rechten Rand bef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn genau darin liegt die eigentliche Magie des Laubbl\u00e4sers: Er l\u00f6st kein Problem. Er verlagert es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Blatt liegt auf dem Gehweg. Der Mann startet die Maschine. Das Blatt fliegt auf die Stra\u00dfe. Der n\u00e4chste Mann startet seine Maschine und bef\u00f6rdert es zur\u00fcck auf den Gehweg. Ein dritter Mann, ausgestattet mit einem leistungsst\u00e4rkeren Ger\u00e4t, schleudert es \u00fcber den Gartenzaun des Nachbarn. Dort wartet bereits der n\u00e4chste Spezialist auf seinen Einsatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So entsteht ein gewaltiger Verschiebebahnhof der Klimaprobleme. Die Bl\u00e4tter reisen von Grundst\u00fcck zu Grundst\u00fcck, von Bordstein zu Bordstein, von Verantwortung zu Verantwortung. Nur eines geschieht zuverl\u00e4ssig nicht: Sie verschwinden nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein Kreislauf von geradezu biblischer Sch\u00f6nheit. Die Natur produziert Laub. Der Mensch produziert L\u00e4rm. Die Natur produziert weiteres Laub. Der Mensch kauft einen st\u00e4rkeren Laubbl\u00e4ser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und w\u00e4hrend in internationalen Konferenzen \u00fcber die Erderw\u00e4rmung, den CO\u2082-Aussto\u00df und die Zukunft unseres Planeten beraten wird, stehen in deutschen Wohngebieten kleine, private Klimagipfel auf zwei Beinen. Dort wird mit vollem Einsatz fossile Energie in Bewegung, L\u00e4rm und warme Abluft verwandelt. Man k\u00f6nnte das f\u00fcr eine besonders absurde Form des Klimaschutzes halten: Wir bek\u00e4mpfen die Folgen des Klimawandels, indem wir ihn im Vorgarten noch ein wenig beschleunigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich gibt es inzwischen Akkuger\u00e4te. Sie sind leiser, sauberer und umweltfreundlicher. Aber sie nehmen der Sache auch etwas von ihrer archaischen Wucht. Ein Akku-Laubbl\u00e4ser klingt, als w\u00fcrde ein elektrischer Rasierapparat versuchen, einen Teppich zu \u00fcberzeugen. Ein Benziner dagegen hat Charakter. Er r\u00f6hrt. Er stinkt. Er verk\u00fcndet seine Existenz mit der Entschlossenheit eines Kleinflugzeugs, das sich auf einem Reihenhausgrundst\u00fcck verirrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei ist die Frage erlaubt, warum uns die Bl\u00e4tter \u00fcberhaupt so sehr st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bl\u00e4tter fallen im Herbst von den B\u00e4umen. Das ist keine Fehlfunktion der Natur. Es ist auch kein kommunaler Notstand. Es ist ein Vorgang, der sich seit Millionen Jahren bew\u00e4hrt hat, lange bevor der erste deutsche Vorgartenbesitzer die Existenz eines Besens entdeckte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bl\u00e4tter fallen, weil der Baum sie nicht mehr braucht. Sie liegen herum, weil die Natur keinen Hausmeister bestellt hat. Sie verrotten, n\u00e4hren den Boden, bieten Kleinstlebewesen Unterschlupf und erf\u00fcllen damit einen biologischen Auftrag, von dem sich der Mensch einiges abschauen k\u00f6nnte: n\u00e4mlich nicht jeden Herbst aufs Neue so zu tun, als sei das Ende der Ordnung gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nein. Ein einziges Blatt auf einer gepflasterten Einfahrt reicht aus, um eine ganze Kette existenzieller Reaktionen auszul\u00f6sen. Der Besitzer blickt aus dem Fenster. Er sieht das Blatt. Das Blatt liegt schief. Es liegt nicht nur schief, es liegt demonstrativ schief. Es liegt dort, als wolle es die Autorit\u00e4t des Hauses infrage stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mann zieht die Jacke an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter dr\u00f6hnt der Motor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine halbe Stunde sp\u00e4ter ist der Gehweg sauber, die Stra\u00dfe voll und das Blatt drei H\u00e4user weiter wieder aufgetaucht. Die Welt ist gerettet. Bis zum n\u00e4chsten Windsto\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis dieser herbstlichen Rituale. Der Laubbl\u00e4ser ist die perfekte Maschine f\u00fcr eine Gesellschaft, die nicht mehr wei\u00df, wohin mit ihren Problemen. Er macht aus einem nat\u00fcrlichen Vorgang eine technische Herausforderung, aus einer Kleinigkeit einen Einsatz und aus einem Mann einen Einsatzleiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er schafft Besch\u00e4ftigung, wo Gelassenheit gen\u00fcgen w\u00fcrde. Er erzeugt L\u00e4rm, wo Stille m\u00f6glich w\u00e4re. Er verbrennt Energie, um etwas zu bewegen, das sich von selbst bewegt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und er gibt uns die tr\u00f6stliche Gewissheit, dass wir wenigstens irgendetwas unter Kontrolle haben. Wenn schon das Klima verr\u00fccktspielt, die Weltpolitik aus dem Ruder l\u00e4uft und die Digitalisierung selbst den eigenen Toaster intelligenter macht als seinen Besitzer, dann muss wenigstens das Blatt vor der Garage weichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So werden wir auch in diesem Herbst wieder Zeugen des gro\u00dfen Blasens. Die M\u00e4nner werden ihre Maschinen aus den Kellern holen, die Ventilatoren werden fr\u00f6hlich aufheulen, und die Luft wird erf\u00fcllt sein von diesem unverwechselbaren Sound deutscher Ordnungsliebe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende des Tages werden die Stra\u00dfen vielleicht sauberer aussehen. Die Bl\u00e4tter werden an anderen Stellen liegen. Die Luft wird ein wenig mehr nach Abgas riechen. Und irgendwo wird ein Mann zufrieden seinen Laubbl\u00e4ser abstellen, ihn mit einem Tuch abwischen und zur\u00fcck in die Garage tragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wird sich umdrehen, noch einmal auf den leeren Gehweg schauen und denken: Das habe ich gut gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann f\u00e4llt ein Blatt vom Baum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz leise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fast unh\u00f6rbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und irgendwo in der Garage beginnt ein Motor zu tr\u00e4umen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Herbst, die M\u00e4nner und ihre Blasger\u00e4te Eine herbstliche Glosse von Gaspard und Dr. ChatGPT \u00fcber Laub, L\u00e4rm und die letzte Bastion der m\u00e4nnlichen Selbstverwirklichung Es ist wieder so weit. Kaum f\u00e4rbt sich das erste Blatt gelb, kaum wagt es eine freche Linde, ein paar ihrer \u00fcberfl\u00fcssig gewordenen K\u00f6rperteile auf den Gehweg fallen zu lassen, da versammeln sie sich. Sie kommen aus Garagen, Ger\u00e4teschuppen und dunklen Kellern. Sie treten aus den Schatten der Vorg\u00e4rten hervor, als h\u00e4tten sie jahrelang auf diesen Moment gewartet. Die M\u00e4nner des Herbstes. Mit ihren Laubbl\u00e4sern. Man erkennt sie an der entschlossenen K\u00f6rperhaltung, dem leicht gespreizten<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":22040,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[35],"tags":[],"class_list":["post-22039","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-stadtkultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22039","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22039"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22039\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22041,"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22039\/revisions\/22041"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22040"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22039"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}