{"id":19480,"date":"2026-01-28T12:34:58","date_gmt":"2026-01-28T10:34:58","guid":{"rendered":"https:\/\/weberberg.de\/?p=19480"},"modified":"2026-01-28T12:43:40","modified_gmt":"2026-01-28T10:43:40","slug":"was-stimmt-in-biberach-eigentlich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/2026\/01\/28\/was-stimmt-in-biberach-eigentlich-nicht\/","title":{"rendered":"Was stimmt in Biberach eigentlich nicht?"},"content":{"rendered":"\n<p>Das folgende Essay ist nat\u00fcrlich mit gr\u00f6\u00dfter Skepsis zu lesen, Biberach-Fans, Hardcore Eingeborene und Beratungsresistente m\u00fcssen hier wirklich stark oder sediert sein. Denn angenehm ist es sicher nicht f\u00fcr alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit der Standardthese des Biberachers: Wir sind toll. Im Detail hei\u00dft das, uns geht es gut, wir haben Geld, tolle Firmen, quasi Vollbesch\u00e4ftigung, das Sch\u00fctzenfest, das Christkindlerunterlassen, einen Marktbrunnen, den Knauzenwecken, die Fastenbrezel, ein Freibad, den Dram, das Sch\u00fctzentheater, die Sch\u00fctzendirektion, den Spital und den (bl\u00f6den) Wieland. Das reicht. Eigentlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Okay, dann gibt es da die andere Seite: Leerst\u00e4nde. Tote Hose in der Innenstadt ab 21 Uhr. Immer wieder reichlich absurde Ausrei\u00dfer, wie zum Beispiel undurchsichtige Umleitungen, Schilderw\u00e4lder, Vorgaben die niemand versteht oder verstehen will, Regelungen die leicht an Schilda erinnern oder auch wilde Versch\u00f6nerungen, damit auch was getan ist. Radikalsanierungen, Bauvorhaben die Ulmer Tore zum schiefen Turm von Pisa machen oder Stadthallen die alle paar Jahre renoviert werden m\u00fcssen. Mitarbeiter die neue Tonanlagen beantragen auch weil es scheinbar keine Ersatzteile mehr g\u00e4be. Zusammenfassend k\u00f6nnte man die Gegenthese auf den Punkt bringen: Die Biberacher Kinder sind ein bisschen anders als andere Kinder, sie haben ihre eigene (durchaus manchmal auch liebenswerte) Realit\u00e4t.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wagt man den Blick \u00fcber den Tellerrand &#8211; zum Beispiel in kleinere Orte wie Wei\u00dfenhorn (bei Neu-Ulm) oder Pfullendorf (Richtung Bodensee) k\u00f6nnte man \u00fcberrascht werden. Beide Orte sind allenfalls halb so gro\u00df wie Biberach an der Ri\u00df, haben beide bei weitem nicht diese industrielle und finanzielle Potenz und dennoch ist da einiges anders und durchaus bemerkenswert. Deutlich weniger Leerst\u00e4nde, zumindest f\u00fcr den Besucher sofort ersichtlich. An beiden Standorten hat sich die Hausbrauerei &#8222;Barf\u00fc\u00dfer&#8220; niedergelassen und betreibt dort als Franchiser nicht nur jeweils ein f\u00fcr die Ortschaften riesiges Lokal, sondern auch Hotels. Das ist extrem \u00fcberraschend. Betritt man eines der Lokale fragt man sich zun\u00e4chst wie das tragf\u00e4hig sein kann: Rund 300 Pl\u00e4tze auf gef\u00fchlten 500 Quadratmetern in einer rund 15 000 B\u00fcrgern z\u00e4hlender Gemeinde? Da m\u00fcsste doch die Pleite vorprogrammiert sein. Gehen sie mal um 17 Uhr an einem Donnerstag durch Biberacher Kneipen und Restaurants &#8211; wenn sie da belebte H\u00e4user finden, ich w\u00e4re \u00fcberrascht. Auch um 18 Uhr 30 werden sie wohl kaum Schwierigkeiten haben irgendwo in BC was zu finden, wo sie sich hinsetzen k\u00f6nnten um zu essen. Sowohl in Pfullendorf wie auch in Wei\u00dfenhorn k\u00f6nnte es dagegen im jeweiligen Barf\u00fc\u00dfer eng werden: Ohne Tischreservierung geht da praktisch nichts. Tats\u00e4chlich hatte die weberberg.de Redaktion jeweils das Gl\u00fcck dort als Crew einer Veranstaltung zu sein. Und da kommt man schon ins Gr\u00fcbeln: Ab 18 Uhr 30 ist in beiden Niederlassungen High Life. Der Service? Unglaublich: Von der Bestellung bis zum gemeinsamen Essen (6 Personen) rund 15 Minuten &#8211; trotz vollem Haus. Anlieferung der Gerichte: Zeitgleich, mehrfaches nachfragen ob alles in Ordnung ist. Personalnot? Offensichtlich nicht vorhanden. Extrem zuvorkommend. Auch als Veranstalter unvergleichbar mit Biberacher Verh\u00e4ltnissen, in diesen kleinen Orten wird man tats\u00e4chlich gewertsch\u00e4tzt. Wer dort gebucht wird, bekommt sozusagen einen roten Teppich gleich mitgeliefert. Was hat die Weberbergredaktion da <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/neu-ulm\/poesie-auf-die-sanfte-art-erste-poetry-night-show-im-weissenhorner-barfuesser-113265828\">denn gemacht, in diesen Barf\u00fc\u00dfern<\/a>? Die Technik f\u00fcr  eine <a href=\"https:\/\/www.barfuesser-gruppe.de\/event\/poetry-night-in-pfullendorf\/\">Poetry Night Show<\/a>. Schon das ein ziemliches Novum, ein Testballon der Franchisekette, um ein Zusatzangebot an Kultur zu bieten. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zur Stadtkultur: Wie kann es sein, dass zwei Kleinst\u00e4dte sich sowas leisten k\u00f6nnen? Eine kaum leerstehende Innenstadt und eine gut b\u00fcrgerliche Restaurant- und Hotelkette die ganz offensichtlich auch noch funktioniert? Nat\u00fcrlich haben wir hier in Biberach das Aiden, den Kapuzinerhof und andere &#8211; tats\u00e4chlich im Vergleich &#8211; eher kleinere Hotels und Restaurants. Interessant ist, dass wir in Biberach auch einen Barf\u00fc\u00dfer h\u00e4tten haben k\u00f6nnen. Dabei geht es gar nicht um dieses Unternehmen an sich, ob das nun Barf\u00fc\u00dfer w\u00e4re oder von mir aus auch eine imagin\u00e4re Kette wie Freds Grillbar &#8211; v\u00f6llig egal. Es geht um den kulturellen, gemeinschaftlichen Bonus, den Belebungsfaktor, die Treffpunktqualit\u00e4t. Der Barf\u00fc\u00dfer wollte auf den Schadenhof und das ehemalige Caf\u00e9 Keller &#8222;beleben&#8220;. Das wurde abgelehnt, eine wie vom Barf\u00fc\u00dfer angeforderte Au\u00dfenbestuhlung war wohl aus st\u00e4dtebaulicher Sicht nicht m\u00f6glich&#8230; Auch eine Ansiedlung im Kundrath Areal war dann nicht m\u00f6glich. Vieles ist ganz offensichtlich in Biberach erstmal &#8222;nicht m\u00f6glich&#8220;! Auch das Kulturzentrum Weberstieg war ja nicht m\u00f6glich &#8211; gut das ist schon \u00fcber 10 Jahre her. Aktuell ist der Umbau des ehemaligen Schlachthofes in eine Kulturst\u00e4tte vorl\u00e4ufig (seit 3 Jahren in Arbeit) nicht m\u00f6glich. Nicht m\u00f6glich ist eine eche Baumbepflanzung des Marktplatzes, eine Sanierung von drei alten Mietsh\u00e4usern auf dem Mittelberg (lohnt ja nicht), eine Spontanbelegung st\u00e4dtischer R\u00e4ume f\u00fcr Veranstaltungen oder Parties (teilweise Auswahlverfahren und Bewerbung n\u00f6tig!), eine Ma\u00dfnahme gegen die Taubenplage, eine Renovierung des Toilettenh\u00e4uschens am Bahnhof (300 000 Mark Baukosten waren das mal &#8211; B\u00fcrgerdebatte: Luxusklo in den 90er Jahren!) und so weiter und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist daf\u00fcr m\u00f6glich? M\u00f6glich ist eine Debatte, ob ein 8 st\u00f6ckiges H\u00e4uschen gegen\u00fcber des Biberkellers gefallen k\u00f6nnte, ob der Gestaltungsbeirat wichtiger ist als der Gemeinderat oder Bauausschuss, ob ein Brunnen, der wie ein M\u00fclleimer aussieht, stehenbleibt oder nicht und ob Parkpl\u00e4tze auf dem Gigelberg f\u00fcr Mitarbeiter von Bekleidungsh\u00e4usern ausreichend vorhanden sind. M\u00f6glich ist ein Stand auf der CMT Messe in Stuttgart, ein Vesperk\u00f6rbchen, die Beklebung von Schaufenstern leerstehender Gesch\u00e4fte, eine Aktualisierung von praktisch oft ungenutzten Tonanlagen der Gigelberghalle, des Kom\u00f6dienhauses, das Abgreifen von Landesf\u00f6rderungen f\u00fcr Klimabegr\u00fcnung &#8211; genutzt f\u00fcr Gigelbergentw\u00e4sserungsbereiche mit Steinchen und Legalisierungsgr\u00fcn, eine Neugestaltung des Lindeles und B\u00e4ume am Flugplatz und m\u00f6glich sind auch Planungspannen am Br\u00fcckenbau oder der Rollinstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdig, denn eigentlich k\u00f6nnte man ja Vieles in dieser unserer Stadt. Viel Gutes. Stattdessen bleibt der Eindruck: Dieses Viele wird gerne verhindert. Warum auch immer. Dann werden Sachverhalte priorisiert die eigentlich nur Wenige oder sogar nur Einzelne betreffen. Pfr\u00fcnde werden verteidigt, Ideen &#8211; wenn sie eigene Einflussnahme oder Interesen besch\u00e4digen k\u00f6nnten &#8211; werden abgetan, oder gar nicht erst ernst genommen. Risikobereitschaft geh\u00f6rt zum Wandel. Wandel ist n\u00f6tig &#8211; nicht unbedingt Fortschritt und Wachstum &#8211; Wandel. Und irgendwie mag man das scheinbar im Athen an der Ri\u00df nicht so gern. Aber das hatte schon Wieland erkannt. Doof, dass diese Zecke der Aufkl\u00e4rung ausgerechnet hier gewesen sein musste. Es w\u00e4re viel einfacher, h\u00e4tte es den nicht gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Intro f\u00fcr eine interaktive Wielandanwendung 1996 von der Medienwerkstatt Biberach f\u00fcr das Wielandarchiv produziert, mit Ausschnitten von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hanns_Dieter_H\u00fcsch\">H. D. H\u00fcsch<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"480\" style=\"aspect-ratio: 640 \/ 480;\" width=\"640\" controls src=\"https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Wieland.mp4\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das folgende Essay ist nat\u00fcrlich mit gr\u00f6\u00dfter Skepsis zu lesen, Biberach-Fans, Hardcore Eingeborene und Beratungsresistente m\u00fcssen hier wirklich stark oder sediert sein. Denn angenehm ist es sicher nicht f\u00fcr alle. Beginnen wir mit der Standardthese des Biberachers: Wir sind toll. Im Detail hei\u00dft das, uns geht es gut, wir haben Geld, tolle Firmen, quasi Vollbesch\u00e4ftigung, das Sch\u00fctzenfest, das Christkindlerunterlassen, einen Marktbrunnen, den Knauzenwecken, die Fastenbrezel, ein Freibad, den Dram, das Sch\u00fctzentheater, die Sch\u00fctzendirektion, den Spital und den (bl\u00f6den) Wieland. Das reicht. Eigentlich. 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