{"id":18305,"date":"2025-10-17T09:18:28","date_gmt":"2025-10-17T07:18:28","guid":{"rendered":"https:\/\/weberberg.de\/?p=18305"},"modified":"2025-10-17T09:18:29","modified_gmt":"2025-10-17T07:18:29","slug":"ueber-die-unfaehigkeit-zuzuhoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weberberg.de\/index.php\/2025\/10\/17\/ueber-die-unfaehigkeit-zuzuhoeren\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Unf\u00e4higkeit, zuzuh\u00f6ren"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Essay von J\u00fcrgen Kraft (Philosoph)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren widerf\u00e4hrt es mir immer h\u00e4ufiger, dass ein Gespr\u00e4chspartner unf\u00e4hig ist, zuzuh\u00f6ren. Man f\u00e4ngt also an, irgendein Thema zu besprechen. Und schon bald packt mein Gegen\u00fcber seine S\u00e4tze so dicht aneinander, dass es keine noch so kleine L\u00fccke mehr l\u00e4sst, in der man auf r\u00fccksichtsvolle Art verbal darauf reagieren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Ganz selten \u00e4rgert mich dies derma\u00dfen, dass ich dann einfach reingr\u00e4tsche. Aber in den allermeisten F\u00e4llen deprimiert mich dieses Verhalten derart, dass ich gelangweilt v\u00f6llig passiv werde. Und oft schweifen meine Gedanken dann ab. Irgendwann stelle ich mir dann immer wieder mal die Frage: Warum eigentlich kann mir mein Gegen\u00fcber denn nicht zuh\u00f6ren?<\/p>\n\n\n\n<p>Und eine eindeutige und endg\u00fcltige Antwort darauf habe ich noch nicht gefunden, aber eine Reihe m\u00f6glicher Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"572\" src=\"https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_2-1024x572.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-18307\" srcset=\"https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_2-1024x572.jpg 1024w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_2-300x167.jpg 300w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_2-768x429.jpg 768w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_2-50x28.jpg 50w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_2-1536x857.jpg 1536w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_2-2048x1143.jpg 2048w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_2-60x33.jpg 60w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>A.) Ist es, weil mein Gegen\u00fcber ein Narzisst ist und nur seinen Gr\u00f6\u00dfenwahn mit dem f\u00fcr ihn typischen Mangel an Empathie, also Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen in den Andern, ungehemmt auslebt?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;-Ist mein Gegen\u00fcber von seinen eigenen weltanschaulichen Ansichten so \u00fcbersteigert \u00fcberzeugt, dass es in einer v\u00f6llig distanzlosen Emotionalit\u00e4t und Spontaneit\u00e4t deren vermeinte Bedeutung und Wichtigkeit um jeden Preis ausdr\u00fccken zu m\u00fcssen meint? Wobei es eigentlich f\u00fcr es selbst sch\u00f6n ist, f\u00fcr seine \u00dcberzeugung derart engagiert einzutreten, in seiner Ma\u00dflosigkeit aber f\u00fcr den Andern kaum zu ertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>-Oder ist mein Gegen\u00fcber v\u00f6llig schuldlos an dieser vermeinten Taktlosigkeit, weil &nbsp;es blo\u00df ein bedauernswertes Opfer unseres technologischen Zeitgeists ist? Ist es durch seinen exzessiven Konsum von sozialen Medien wom\u00f6glich so sehr gew\u00f6hnt, in jedem Augenblick als ein ewiger Sender wie am Flie\u00dfband jeden ihm gerade in den Sinn gekommenen und noch so belanglosen, banalen Standpunkt hinauszuposaunen, dem die Anderen gef\u00e4lligst st\u00e4ndig zu folgen haben?<\/p>\n\n\n\n<p>-Ist es, weil das dauerredende Gegen\u00fcber eben aufgrund seiner \u00dcberzeugung von der Bedeutung und Wichtigkeit seiner Mitteilungen bzw. Anschauungen subjektiv absolut selbstgewiss den Zwang versp\u00fcrt, den Andern von seiner Ansicht \u00fcberzeugen zu m\u00fcssen, ihn zu seiner Ansicht bekehren zu m\u00fcssen? Zu <strong>dessen<\/strong> Bestem selbstverst\u00e4ndlich! Ist es am Ende also nur, weil das Gegen\u00fcber mich f\u00fcr einen Uninformierten oder gar Bornierten, Unreflektierten h\u00e4lt, das es informieren, bilden und aufkl\u00e4ren muss?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>B.) Hat mein Gegen\u00fcber also offensichtlich zwar einen egozentrischen Gr\u00f6\u00dfenwahn, mit dem es aber ganz im Gegenteil blo\u00df seinen ausgepr\u00e4gten Minderwertigkeitskomplex zu \u00fcberspielen versucht? Ist seine vordergr\u00fcndige Gro\u00dfm\u00e4uligkeit blo\u00df der Versuch, seine empfundene Unterlegenheit durch \u00dcberkompensation zu vertuschen?<\/p>\n\n\n\n<p>-Hat mein Gegen\u00fcber in Wirklichkeit also sogar einen Minderwertigkeitskomplex, n\u00e4mlich die Angst, dass ich, der Andere, in m\u00f6glichen Gespr\u00e4chspausen ihm widersprechen und seine festgef\u00fcgten Ansichten damit ersch\u00fcttern k\u00f6nnte? Und damit die gef\u00fchlte eigene Unterlegenheit best\u00e4tigen. Ertr\u00e4gt es also blo\u00df keine Gegenrede, die seine insgeheime Unsicherheit und sein fehlendes Selbstwertgef\u00fchl nicht aushalten w\u00fcrde und nicht ertragen k\u00f6nnte?&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>-Will das Gegen\u00fcber mit seinem Dauerreden und \u2013mitteilen seiner Weltsicht dem Andern, von dem es bef\u00fcrchtet, dieser k\u00f6nnte es f\u00fcr einen Dummen oder Einf\u00e4ltigen halten, blo\u00df signalisieren, dass es durchaus intellektuell anspruchsvoll und reflektiert ist?<\/p>\n\n\n\n<p>C.) Oder verh\u00e4lt es sich ganz einfach so, weil es in seinem Alltagsleben als Alleinseiendes viel zu wenig zwischenmenschliche Beziehungen und Kontakte hat und von daher niemanden, der ihm endlich mal zuh\u00f6rt, so dass es, sobald es einmal die M\u00f6glichkeit hat, sich einem Andern mitteilen zu k\u00f6nnen und damit eine Zuh\u00f6rerschaft zu haben, in einem Schwall das an- und aufgestaute Gespr\u00e4chsbed\u00fcrfnis endlich befriedigen kann?\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"572\" src=\"https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_3-1024x572.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-18306\" srcset=\"https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_3-1024x572.jpg 1024w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_3-300x167.jpg 300w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_3-768x429.jpg 768w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_3-50x28.jpg 50w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_3-1536x857.jpg 1536w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_3-2048x1143.jpg 2048w, https:\/\/weberberg.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Juergen_Kraft_3-60x33.jpg 60w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Am Ende jedoch tr\u00f6ste ich mich angesichts solch einer erlittenen Unf\u00e4higkeit meiner Mitmenschen, zuzuh\u00f6ren, meistens damit, dass ich mir sage: \u201eViel mehr als mir schaden sie sich ja selbst, insofern sie sich der Chance berauben, etwas Anderes oder wom\u00f6glich sogar Neues zu h\u00f6ren bzw. zu erfahren.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von J\u00fcrgen Kraft (Philosoph) In den letzten Jahren widerf\u00e4hrt es mir immer h\u00e4ufiger, dass ein Gespr\u00e4chspartner unf\u00e4hig ist, zuzuh\u00f6ren. Man f\u00e4ngt also an, irgendein Thema zu besprechen. Und schon bald packt mein Gegen\u00fcber seine S\u00e4tze so dicht aneinander, dass es keine noch so kleine L\u00fccke mehr l\u00e4sst, in der man auf r\u00fccksichtsvolle Art verbal darauf reagieren k\u00f6nnte. &nbsp;Ganz selten \u00e4rgert mich dies derma\u00dfen, dass ich dann einfach reingr\u00e4tsche. Aber in den allermeisten F\u00e4llen deprimiert mich dieses Verhalten derart, dass ich gelangweilt v\u00f6llig passiv werde. Und oft schweifen meine Gedanken dann ab. 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