Bertold Dag


Die Nacht kann viel erzählen.
Sprichwort

 

Dark Days - Teil 1

Eine erotische Erzählung aus der Schwarzen Szene.

von Bertold Dag

Es war ein hellichter Tag bei einem Glas Bier am Bodensee, als Bertold Dag beschloss, seine Erfahrungen mit der Schwarzen Szene in einer südwestdeutschen Kleinstadt in einer Erzählung umzusetzen. Eine Erzählung mit vielen fiktiven Elementen, mit gänzlich fiktiven Personen aber voll von realem Szenehintergrund. Illustriert mit Fotos von Menschen, die mit der Geschichte absolut nichts zu tun haben.

 

 
 
   

 

"Komm, lass uns rübergehen, die Playlist kenne ich eh schon auswendig," sagte Florian und ergriff die Hand von Lady Somnambula, die mit ihrem richtigen Namen Heather Scheffler hieß, wegen ihrer Maße aber von ihren Kollegen heimlich Heather Schiffer genannt wurde. "Rübergehen? Wohin?" fragte Lady Somnambula erstaunt. "Wirst schon sehen. Ich brauch dich! Jetzt!" flüsterte ihr Florian ins Ohr und zog sie mit sich. So habe ich mich noch nie von einem Jüngeren abschleppen lassen, dachte sie, folgte ihm aber neugierig.

Florian kam aus Ravensburg und war das erste Mai auf einer Dark Night in Biberach. Sein Lederrock und sein aufwändig geschminktes Gesicht waren ihr gleich aufgefallen als er den Club Absolut betrat und Florian gehörte zu den seltenen Männern, die problemlos ein Gespräch anfangen und ihre Gesprächspartnerinnnen sofort in einen Strudel von Faszination und Selbstmitleid zogen, Selbstmitleid, das nach Trost schrie.

Jetzt aber zog Florian die Tür des Absolut auf, warf dem Türsteher ein leises "Wir kommen wieder!" zu und zog Somnambula hinaus. Draußen stand Marius und hielt ein Glas Cola Wodka in der Hand, auch Steff war da. Erstaunt blickten sie den beiden nach. "Ist das die Hitze oder ist Heather eben wirklich...?" fragte Steff. "Wirklich!" sagte Marius und nippte wieder an seiner Cola Wodka.

Es war in der Tat ungewöhnlich heiß in diesem Sommer. Tags erreichte das Thermometer fast 40 Grad und nachts stand es oft noch in den hohen Zwanzigern. In dieser Nacht aber war es besonders schwül. Hoch ragte der Weiße Turm über dem kleinen Stadtpark in die Nacht. "Riesig und kerzengerade, wie..." schoss es Heather durch den Kopf, aber sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken, denn Florian hatte ihr ein fast harsches "Hier!" zugerufen.und sie auf der Mitte der kreisrunden Rasenfläche hinuntergezogen und sich neben, ja fast schon auf sie gelegt.

Der Rasen war warm, der Boden glühte sogar noch etwas. Heather bremste Florians Hand, die sich rasch auf ihren Busen zubewegte. "Nicht so schnell," sagte sie. Sie konnte nicht wissen, welcher Film gerade in Florians Kopf ablief. Und wenn sie es gewusst hätte, wäre sie sofort geflohen.......

 

 

 

Michi und Freundin

 

Pierre (Detail)

 

Bertold Dag zögerte. War er zu schnell in die Geschichte eingestiegen? Hätte er nicht Heathers Wunsch nach mehr Langsamkeit auch in der Entwicklung ihrer Figur berücksichtigen müssen? Ihren komplexen Charakter, die ungewöhnliche Bedeutung, die Jesus in ihrem Leben einnahm, schildern müssen, bevor er sie in diese Handlung stieß? Und würden die Handlungen von Florian verständlich sein ohne Kenntnis von dem, was sich an jenem schicksalhaften Freitag ereignet hatte?

Dag schaute hinaus auf den See, der wegen der Trockenheit ungewöhnlich niedrig stand. Vor drei Stunden hatte er noch auf der Höri baden wollen, aber dass man den Rheinzufluss fast bis zur Mitte durchschreiten musste, bevor man die richtige Schwimmtiefe hatte, war ihm zu abschreckend gewesen.

Also gut, Lady Somnambula, dachte er. Drehen wir das Rad der Geschichte noch einmal ein wenig zurück.

 

 

 

Dark Days

Eine erotische Erzählung aus der Schwarzen Szene.

In jedem Fall verstehen sich Gothics als Elite - eine Elite, die der oberflächlichen Welt den Rücken kehrt, indem sie sich auf ihre ganz spezielle Weise mit weitgehend unbeachteten Themen wie dem Tod beschäftigt. Jugendszenen.com, DasPortal für Szenenforschung

 

1. Kapitel

Es gibt auf dieser Welt Menschen, denen spielt das Schicksal so übel mit, dass sie aus der Bahn geworfen werden und in Welten abtauchen, die mal real und nur sehr anders sind, mal sehr anders und gänzlich irreal. Von solchen Menschen handelt diese Erzählung.

Heather Scheffler, wegen ihrer Maße von ihren Kollegen heimlich Heather Schiffer genannt, war so jemand, der ein ganz normales Leben führte, irgendwo im Südwesten unserer Republik, als Angestellte einer Drogeriekette. Ihr Leben war wirklich normal bis zur Langeweile, bis eines Tages ihre beiden Eltern fast zeitgleich ums Leben kamen. Der Vater in Weingarten, die Mutter bei Ehingen. Beide starben im Auto, weil bei beiden ein BMW ihre Vorfahrt nicht beachtet hatte, dessen Fahrer in beiden Fällen weder Führerschein noch Versicherung besaßen. und man kann sich denken, dass dies ein schwerer Schlag für Heather Scheffler war, denn auch die stabilste Persönlichkeit hätte daran zu beißen gehabt. Zu wenig sah das nach Zufall und zu sehr nach göttlicher Willkür aus.

Als sich dann auch noch wenig später ihr Freund, den sie meist scherzhaft als ihren "Verlobten" vorstellte, nach einem unglaublich öden WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft das Leben nahm, gab es kaum noch etwas, das sie auf dieser Welt für lebenswert hielt und wenn ihr auch der Gedanke an Selbstmord nicht kam, oder wenn, dann nur als kurzer Anflug, so fühlte sie sich doch dem Tod mehr verbunden als dem Leben und sie suchte einen Lebensstil, der Ausdruck ihrer Gefühle war. Sie begab sich in die schwarze Szene. Und sie fühlte sich wohl dort, geborgen, getröstet. Und fast war es, als ob Jesus... aber dazu später. Diese Trias an Schicksalsschlägen kamen kurz nachdem Heather befördert worden war und dann auch noch bei der Tombola am Tag der offenen Tür einer Phramafirma überraschend ein lustiges Gesellschaftsspiel gewonnen hatte. Wir richtig hieß es doch im Lied: "Zwei Schritte vor und drei zurück..."

Florian Bochteler wurde bis zu jenem schicksalhaften Freitag, der sein Leben verändern sollte, von seinen Freunden als "Naturbursche" bezeichnet, da er als Angestellter des Vermessungsamt sich häufig im Freien aufhielt und sein Gesicht eine gesunde Bräune zierte. Kräftig dagegen war er nicht, vielmehr eher dünn und etwas schlaksig. Und die Bräune, die ihn so gesund aussehen ließ, schwand zusammen mit seiner fröhlichen Bereitschaft, bei jeder Kleinigkeit in ein strahlendes Lächeln auszubrechen,urplötzlich aus seinem Gesicht nach eben jenem Ereignis, das sein Leben und seine Phantasien so unglücklich bestimmen sollte.

Nun führt das Schicksal, das Fatum, das Kismet mitunter Menschen zusammen, lässt sie sich flüchtig begegnen, nicht beachten, aus den Augen verlieren, wieder begegnen, plötzlich wahrnehmen und das mag sich dann so lange wiederholen, bis eines Tages dann doch eine Nähe entsteht, die explosiv ist.

Auch Florian und Heather waren sich bereits mehrmals begegnet. Im "Millennium" war sie ihm aus dem Keller entgegengekommen in den er sich dann doch nicht getraut hatte. In einem Club mit dem seltsamen Namen "Abby" dessen Bedeutung ihm niemand erklären konnte, denn weder im Deutschen noch im englischen Wörterbuch gab es dieses Wort, war sie auf den wenigen Stufen zum Dancefloor ins Stolpern gekommen und er hatte sie aufgefangen. Aber außer mit einem kurzen "Danke!" hatte sie nicht reagiert und als er sie später in einem Sessel des Nebenraumes sah, schien sie sein Gesicht schon vergessen zu haben. Auch im "Extreme" waren sie sich begegnet und Florian hätte sie fast angesprochen, aber dann war ihm leicht schlecht, vermutlich weil er zu viele der kostenlosen Chips aus der großen Schüssel zu sich genommen hatte.

All dieses lag nun schon einige Monate zurück und vor jenem Freitag, an dem für ihn eine Welt zerbrach und er sich eine neue suchen musste, in der er wieder frei denken konnte. Nur leider geriet er in eine Welt, die ihn gefangen hielt, die ihn zwang, immer wieder die gleichen Gedanken zu durchleben wie auf einer CD, die irgendwo hängen geblieben war und nun die gleichen Takte endlos spielte bis jemand eingriff. Da aber niemand in Florians Kopf hineinschauen konnte, geschweige denn eingreifen, spielten diese Takte des Grauens in ewiger Wiederholung und Florian konnte sich nur einen Ausweg denken - die Tat.

Nicht, dass man Florian irgend etwas anmerkte. Er verrichtete seine Arbeit als Messgehilfe wie immer, wenn auch mit wenig Freude. Und er war nach wie vor einer der seltenen Männer, mit denen Frauen problemlos ein Gespräch anfangen können. Ein Gespräch allerdings, das sie allzu oft in einen Strudel von Faszination und Selbstmitleid zog, Selbstmitleid, das nach Trost schrie.

Das erlebte nun auch Heather, die zum ersten Male an diesem Abend im Club Absolut wahrnahm, welche feinen Gesichtszüge hatte. Seine Outfit mit Netzstrümpfen und schwarzem Lackrock war ohnehin auffällig genug als sie in das Gewölbe trat, nachdem sie vor der Tür des Clubs auf ihren Szenefreund Marius gestoßen war, der ihr - wie immer galant - mit seinem Wodka Martini und einer kleinen Verbeugung zuprostete.

Marius lächelte. Allerdings heimlich. Niemand sollte wissen, dass er es vor kurzem, wenn auch indirekt und reichlich ungenau, zu nationalem Ruhm gebracht hatte. Im DeutschlandRadio Berlin war in einer Sendung Bezug genommen worden auf jemanden, der nur er selbst sein konnte. Den Wortlaut der Passage wusste er auswendig: "Und selbst stadtbekannte Grufties, weiß Lehrer Andresen zu berichten, tauschen zu "Schützen" ihr morbides Outfit gegen das historische Gewand eines Schweden oder Trommlers."

Als Florians Augen auf Heather fielen, grinste sie breit. Aber das war nicht ihm geschuldet, sondern noch der letzten Bemerkung, die sie vor der Tür aufgeschnappt hatte: "Nicht Blutarsch, du Depp, Blutharsch!"

(Fortsetzung folgt)

 

20

 

 

0200Irritierend, gell? Die fasces, die faschistischen Rutenbündel. Und dann der albumtitel "FasciNation". ... Tststs... (Collage)

 

 

 

?

 

Bertold Dag hielt inne. Dieser Anfang gefiel ihm schon viel besser. Lady Somnambula war plastischer, lebendiger geworden. Es war mehr Szeneambiente im Anfangskapitel. Aber der humorig gemeinte Schlussatz machte ihm zu schaffen.

Seine Gefühle waren zwiespältig. Einerseits liebte er das Österreichische für seinen vom Deutschen abweichenden Wortschatz, für Kren und Lungenbraten, Powidl und Stelze und natürlich auch für Blutharsch, das so viel anschaulicher war als das spröde deutsche 'Schorf'. Aber sollte er das Thema Rechtsradikalismus in der Szene wirklich in eine erotische Erzählung einfließen lassen?

Er begann noch einmal, in seinem Zettelkasten zu blättern. Da fand sich die absurde Bemerkung aus einem Interview mit Douglas Pearce

What can you say about the Nazi phobia in Europe?
D.P.: Nazi phobia? I think the world goes through periods of world devils. In the 50s, it was homosexuals and communists. Now it is Nazis. Next week it could be Muslims... Well, it is almost now. So, it is the world devil at the moment.

Dann dieser mysteriöse Beitrag aus einem Szeneforum, der lautete

"Über seine politische Gesinnung machte Albin noch nie einen Hehl und seine Tendenz zum Faschistoiden war einer der Gründe, warum Elisabeth sich von ihm trennte.",

den er noch weiter recherchieren wollte.

Aber er war duch die Erfahrungen eines Schriftstellerkollegen gewarnt, über den, kaum, dass dieser das erste Kapitel einer längeren Erzählung aus der Welt der Goths online veröffentlicht hatte, in einschlägigen Szenegästebüchern Äußerungen zu lesen waren, die an herber Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen und die der Betroffene am liebsten gleich vergessen hätte, wenn er eben dies denn gekonnt hätte, was ihm aber nicht gelang, was nur zu verständlich war bei Sätzen wie "So einen Schwachsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Der hat sie ja echt nicht mehr alle!!! " und "jetzt knallt er völlig durch !!!!". Als "blöder W...r" war er bezeichnet worden, von dem man hoffte, dass er "das maul gestopft bekommt", seine liebevolle Schilderung der schwarzen Szene wurde als "dieses difamierende geschmiere" bezeichnet, wobei ihn oft die Tippfehler und falsche Rechtschreibung mehr schmerzten als die Invektiven.

Das war also offenbar nicht der Weg, um die Herzen der Goths zu gewinnen. Und dass das Thema Rechtsradikalismus besonders sensibel sein musste, war ihm klar.

Er beschloss, sich doch stärker auf die erotischen Elemente zu konzentrieren und Politisches zu meiden. Aber literarische Figuren entwickeln ihr Eigenleben, machen sich vom Autor unabhängig, gehen ungeahnte Wege. Ihr Schicksal, das wusste er spätestens seit der Lektüre von Sorrentinos "Mulligan Stew", war nur begrenzt zu steuern.

Er schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel: "Herr, lass Florian nicht nach rechts driften, bitte!"

Ob es erhört worden war, das würde man erst später wissen...

 

 

It is easy to go down into Hell; night and day, the gates of dark Death stand wide; but to climb back again, to retrace one's steps to the upper air - there's the rub, the task.
Virgil: Aeneid

 

Das Tier, das, nahend, Schritt für Schritt, das schlimme,
Hinab mich drängte, wo die Sonne schweiget.
Da ich zur Tiefe floh vor seinem Grimme,
Stand mir vor Augen einer, stumm,
als sei
Versiegt ihm, die so lange schwieg,
die Stimme.
Erblickend ihn in dieser Wüstenei.
Rief ich ihn an: »Wer du auch seist, ob Schatten,
Ob Mensch, erbarme dich und steh mir bei!«

Dante:La Divina Commedia
 

2. Kapitel

Heather staunte. Florians Augen leuchteten auf, als er sie erblickte. Er schien in Sekundenschnelle aufzublühen, so wie man das mitunter in Zeitrafferaufnahmen naturkundlicher Fernsehdokumentationen sah. "Florian, der Blühende!" schoss es ihr durch den Kopf, als ihr sein Name wieder einfiel. Der Blühende! Und Sie? Heather! Der Name, auf dem ihre aus Yorkshire stammende Mutter bei ihrer Beburt bestanden hatte. Heidekraut - eine solide Pflanze, auch in rauer Witterung. Dabei fühlte sie sich derzeit entwurzelter denn je. Welche Ironie des Schicksals!

Aber dieser Anflug depressiver Gedanken ging rasch vorüber. Kein Wunder, denn die Atmosphäre auf den Events in jener Stadt, die sich so rasch den Namen "Szene-Mekka" erworben hatte, war von eigener Kraft.

 

 

Steff

 

 

 

 

 

 

Obelisk

 

 

 

Aus dem Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Neue ausgabe ist erschienen

 

Bertold Dag hielt inne. Er wollte Heather und Florian Zeit geben, diesen Moment zu genießen, bis zur letzen Sekunde auszukosten, sich in ihren Blicken zu versenken, ihr Lächeln zu genießen und dann, nach den ersten zögerlichen Momenten ins Gespräch zu kommen. In ein langes, tiefes Gespräch, denn Florian gehörte zu den seltenen Männern, die problemlos ein Gespräch anfangen und ihre Gesprächspartnerinnnen sofort in einen Strudel von Faszination und Selbstmitleid zogen, Selbstmitleid, das nach Trost schrie. ...

Dag beschloss, sein Schreiben für eine kurze Weile zu unterbrechen und statt dessen seine Recherchen zur Schwarzen Szene zu vertiefen. Lange schon war er nicht mehr auf der Website von Gothics-Culture e.V. gewesen und er war erstaunt darüber, um wieviel Inhalt reicher die Website geworden war. Er verlor sich eine Weile in den elegant-morbiden Photos der Kunstabteilung, bevor er sich in die Rubrik "Wissenschaftliches" begab und die Symbolik des Todes studierte. Ausführlich waren dort Symbole alphabetisch gelistet, von Anker bis Yin Yang Kreis. Beim Obelsik blieb Dag hängen. Der war definiert als Zeichen für Wiedergeburt, für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Sein Unterbewusstsein filterte den hässlichen Tippfehler auf der schönen Seite heraus. Dann schaute er nach einem Symbol, dass für Florian passen würde, eines, das er als Schmuck um den Hals tragen würde vielleicht. Rasch verwarf er die Fleur de lys und das keltische Kreuz. Ein Baumstumpf wäre am passendsten gewesen, aber wer trug schon einen Baumstumpf als Schmuck, das Symbol für unterbrochenes Leben, das so trefflich zu Florian gepasst hätte?

Dag war unschlüssig und surfte weiter durch die Gothic Websites, die er sich als Favoriten angelegt hatte. Vielleicht fand sich in einem Gästebuch noch interessanter Stoff. Er klickte auf Abby.de. Im Gästebuch fand sich ein Eintrag von einem gewissen Apollo, der Einträge eines gewissen Olafs kommentierte. Olaf - das alte nordische Wort für Talisman oder Vorfahre. Apollo bezeichnete ihn als Troubleshooter, als Vermittler also, der Probleme findet und beseitigt. Faszinierend! Sollte es wirklich jemanden geben, der vielleicht zwischen der Tagwelt und der Welt der Gothics vermittelte, sich ihrer Probleme annahm? Dag klickte sich durch die älteren Einträge des Gästebuches durch. Immer wieder tauchte Olaf auf und es schien ganz so, dass er seinem Ruf als Troubleshooter gerecht wurde. Denn wenn immer jemand eine Bitte um Hilfe im Gästebuch postete, sei es bei der Suche nach einem Liedtext, dem Weg zu einer Disco mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder anderen Problemen des Alltags, war Olaf zur Stelle und gab Antwort. Niemand sonst im Gästebuch schien sich diese kleine Mühe zu machen. Er wollte diesen Olaf kennenlernen, musste aber zu seiner Enttäuschung feststellen, dass er nirgends eine E-Mail Adresse angegeben hatte.

Dag gab sich einen Ruck. Die Erzählung musste weitergehen. Schließlich wusste er ja schon, wie sie sich in den nächsten Phasen entwickeln würde. Es musste nur zu Papier gebracht werden. Er legte das Buch beiseite, in dem er zuletzt geblättert hatte und erhob sich von dem Korbsessel, dessen Bequemlichkeit seinen Gedankengängen so förderlich war, um sich eine Kanne Rauchtee zuzubereiten, de er dann mit kandierten Kirschen genießen wollte, bevor er das Kapitel weiterschrieb.

(Fortsetzung folgt)

 

 

Wo ich bin, mich rings umdunkelt
Finsternis, so dumpf und dicht,
seit mir nicht mehr leuchtend funkelt,
Liebste, deiner Augen Licht.
Mir erloschen ist der süßen
Liebessterne goldne Pracht,
Abgrund gähnt zu meinen Füßen
- nimm mich auf, uralte Nacht!
Heinrich Heine

Ich jage einsam durch die Nacht
Kann nicht glauben, dass Du gingst
Der Schmerz umklammert fest mein Herz
Kann nicht atmen ohne Dich
Was soll ich tun, wo soll ich hin
Es gibt nichts was mich noch hält
Bevor der Schmerz mich fast zerfrisst
Verlass ich diese Welt
Blutengel, Keine Ewigkeit

3. Kapitel

Sie redeten über Musik, über ihre neuesten CDs, sprachen von Bands wie Feindflug, WhipKraft oder Cruelty Campaign, die sie verehrten oder verabscheuten, und dann wurde Florian plötzlich philosophisch.

"Im Ursprung steckt die gesundende Unschuld, die reine Kraft. Und mit jeder Ebene, der man sich öffnet, dehnt sich der Gedankenbau nach unten aus. Den Keller erträgst Du auf Dauer nicht. Sie haben mich. Die Stimmen in mir, aus mir. Ich spinne mir das Netz, das mich gefangen hält. Es zieht an allen Enden. Die Fäden gleiten mir endgültig aus der Hand. Ich hänge verwickelt, verstrickt in den Windungen von meinem eigenen Verstand." Während Heather begann zu grübeln, wovon er überhaupt sprach, sagte Florian plötzlich: "The look in your eyes is more than I can ask for. As if you were send by god."

Meinte er das ernst? fragte sie sich, oder zitiert er plötzlich NamNamBulu? Ja, es musste so sein, denn er sprach den Schreibfehler aus den Lyrics der geschrumpften Band textgetreu nach. Es musste also ein Zitat sein! Florian fuhr fort: "Ignorance is part of them. Tolerance they do not live. Tolerance they do not give." "Was ist los?" fragte sie, "Warum redest du plötzlich Englisch." Erschrocken sah er sie an. "Ach, nichts, nichts. Ich musste nur an jemanden denken." - "An wen?" - "An die Türsteher." - "Und was war das mit den Augen?" - "Den Augen? Ach, nichts. Ich musste nur an jemanden denken." Langsam erschienen ihr seine Antworten wie alberne Ausreden. "An wen?" - "An Victo... Egal, du kennst sie nicht."

Heather ließ sich nicht beirren: "Ich kannte eine Victoria aus der Szene. die kam aus Bad Waldsee." Florian blickte fast entsetzt auf; starr sah er sie an. "Ich möchte nicht darüber reden." - "Aber warum nicht?" -"Ich - möchte - nicht - darüber - reden!" sagte Florian überdeutlich und etwas zu laut und griff sich an die Stirn. Da waren sie wieder, diese Stimmen, diese Schmerzen. "Entschuldige mich. Bitte!" Er ging vor die Tür.

 

 

Heinrich Heine

 

 

 

 

Vor dem Club Absolut

 

Michis Hand

 

Bertold Dag spürte quälend den Schmerz, der sich in Heathers Brust bohrte, spürte, wie sie schluckte. Nicht, dass ihr Florian jetzt schon so viel bedeuten konnte, aber er hatte wohl eine Saite in ihr berührt, die in der letzten halben Stunde immer stärker zu schwingen begonnen hatte. Jetzt hatte er sie einfach stehen gelassen, war gegangen, dabei war vielleicht gerade sie jemand, der ihm hätte helfen können.

Aber wie jemandem helfen, der sich verschließt, der flieht? Würde er zurückkommen?

Dag wusste, dass er schnell eingreifen musste, dass er Heather jetzt nicht allein lassen durfte. Nicht jetzt. Aber würde Florian rasch zurückkommen? In diesem Moment war er ihm fremder als je vorher. Der Charakter, den er sich als sanft und verwundbar gedacht hatte, nahm urplötzlich ein schroffes Eigenleben an. Aber wahrscheinlich brauchte auch Florian mehr Verständnis, mehr Zeit. Zeit, die ihm Dag gerne geben wollte. Zeit, die Gedanken zu ordnen, den Schmerz zu überwinden. Er nahm einen Schluck Wein und überlegte eine Weile, bevor er sich entschloss, sich erst einmal Heathers anzunehmen.

 

 

 

Sprich kein Wort, ich habe keinen Wunsch, geheilt zu werden, lass mich Dein Wasser trinken, so wie ich mich an Deinen Worten berausche. Taufe mich mit dieser Zärtlichkeit, die Du auf meiner Haut einprägst. Mit diesen tausend Nadeln, die meine Haut durchbohren, diesen tausend Dornen, die mein Haupt krönen und meine Augen erleuchten.
Joseph Orban

Die Spur ist frisch und auf die Brücke
tropft dein Schweiß
dein warmes Blut
ich seh dich nicht ich riech dich nur
ich spüre dich
ein Raubtier das vor Hunger schreit
wittere ich dich meilenweit

Niemand gab mir einen Namen,
gezeugt in Hass und ohne Samen


Der kalte Mond in voller Pracht
hört die Schreie in der Nacht
und kein Engel steigt herab
nur der Regen weint am Grab
Rammstein, diverse Songs

4. Kapitel

Heather war einen Moment lang fassungslos. Sie schaute sich um. Niemand schien von dem plötzlichen Abgang Florians Notiz genommen zu haben. Sie schüttelte kurz und heftig den Kopf, als ob sie etwas abwerfen wollte und schwindelte ein wenig.

Der irrisnnige Gedanke, sich an dem Jungen festhalten zu dürfen, der neben ihr saß, einen Anker zu suchen unter dem Kettengurt, der sich um seine Hüfte schlang, zwischen seinen Lackschenkeln, die sich auf dem Lederhocker spreizten, verflog so rasch, wie er gekommen war.

Sie tat das, was sie immer tat, wenn sie sich von ihren übermächtigen Gefühlen ablenken wollte. Intensiv beobachtete sie ihre Umgebung, nahm jedes Detail wie unter einem Vergößerungsglas wahr, ließ ihre Ohren ihre Hörkraft gleichsam verdreifachen, schloss immer wieder für drei Sekunden die Augen und sah sich weiter um.

Rechts von ihr bestellte jemand ein Korea light, wie sie irritiert hörte. Am Tisch neben dem Eingang sagte jemand: "Des kommt von 'Dear Abby', dieser amerikanischen Ratgeberkolumnistin. Und wenn du da hinfährscht und hascht Probleme, dann kriegscht du da auch Hilfe, aber eben aus der Szene und nicht von irgendeiner konservativen Ratgebertuss." - "Meinsch das ernscht? Ne Szene Disco als Ratgebertante?" - "Hascht du ne bessere Erklärung?"

Wieder schloss sie die Augen. Ich seh dich nicht, ich hör dich nur. Leider! schoss es ihr durch die Kopf und sie musste grinsen. Sie bog ihren langen Nacken nach links und nach rechts, um die Anspannung zu lockern. Florian war immer noch nicht zurückgekommen. War er doch gegangen? Für immer? Nein, sein Mantel lag noch über dem Barhocker vor ihr, er musste also noch vor dem Eingang sein.

 

 

 

 

 

Korea Light im SFC

 

 

 

 

Mehr Pieree und Freundin

 

 

SFC-Gast

 

Dag lehnte sich einen Moment zurück und las das letzte Kapitel noch einmal. Ihm fiel auf, dass auf den ersten Blick ein gewisses Ungleichgewicht zwischen der Menge der Zitate und der Länge der Kapitel bestand. Aber letztlich machte dies Sinn, denn die zitierten Gedanken bildeten den Rahmen, und eine Gedankenkulisse vor der seine Figuren agierten. Nein, selbst wenn ein Kapitel nur aus einem Satz bestünde, die Ziitate mussten sein und er würde in diesem Stil fortfahren.

Aber erst einmal unterbrach er sein Schreiben und widmete sich einem Thema, das ihn schon länger beschäftigte und das für ihn ein vorzüglicher und notwendiger Ausgleich neben dem Schreiben einer Erzählung war, einem Quiz im Stile von "Wer wird Millionär?", der aber ganz an die Schwarze Szene angepasst war und den als interaktives Gewinnspiel unter dem Titel "Wer wird Super-Goth?" ins Internet zu stellen ihm vorschwebte.

Die Sammlung seiner Fragen wuchs rasch. Es war nur schwierig, zu entscheiden, welchen Schwierigkeitsgrad man den einzelnen Fragen zuweisen sollte. Immer wieder schob er eine Auswahl der Karten in neue Reihenfolgen, um allmählich zu einer ausgewogenen Sequenz zu kommen.

Welche Farbe bevorzugen die Goths?

a) Weiß b) Himmelblau
c) Schwarz d) Neon Pink


Wieviele Schritte geht es beim Tanzen in der Regel vor und dann zurück?

a) 1 und 2 b) 4 und 5
c) 3 und 3 d) 2 und 2

Was heißt "Abtei" auf Englisch?

a) Ebby b) Abbey
c) Abby d) Aby

Wie heißt eine bekannte Band mit einer Website mit faschistoider Anmutung?

a) Blutbarsch b) Blutarsch
c) Blutharsch d) Blutmarsch

Du fährst voll auf so Fetischzeugs ab. In welchen Schuppen gehst du da am besten?

a) Fetucino b) Fetomaniac
c) Fetalist d) Fetomas

Wer gab folgenden Flachsinn von sich: "Für mich spielt die Titulierung „Nazi“ oder „Kommunist“ oder „Briefmarkensammler“ oder „Fahrradfahrer“ in der Beurteilung eines Menschen keine Rolle mehr. Ich begegne nie zuerst dem Nazi, dem Kommunist, dem Briefmarkensammler oder dem Fahrradfahrer, sondern jenseits der Ideologie oder der Besessenheit begegne ich immer erst einmal dem, was sein eigentliches Wesen ist: Seine Persönlichkeit, sein Charakter! "

a) Harald Juhnke b) Daniel Küblböck
c) Josef Klumb d) Stefan Raab

Die Überlegungen erfrischten seinen Geist. Abwechslung war für ihn immer ein Tonikum. Schließlich konnte man auch nicht den ganzen Tag lang Korea trinken. Eine Tasse Salbeitee zwischendurch wirkte Wunder.

Befriedigt wandte er sich wieder seinen Personen zu. Die Zitate hatten bereits die Bühne für ihre Erfahrungen errichtet.....

 

 

Learn to reverence night and to put away the vulgar fear of it, for, with the banishment of night from the experience of man, there vanishes as well a religious emotion, a poetic mood, which gives depth to the adventure of humanity.
Henry Beston

Ich denke oft, dass die Nacht lebendiger und farbenreicher ist als der Tag.
Vincent van Gogh

 

 

5. Kapitel

Wo blieb er nur?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SFC-Gast

 

Ein Inder

 

Bertold Dag lehnte sich zurück. Befriedigt schaute er auf das letzte Kapitel. Wie dieser eine Satz von dem Hintergrund der beiden Zitate schwebte! Wie ein in Marmor gemeißeltes Relief! Wie eine schwarze Neonschrift über einer Weißen Nacht in St. Petersburg! Wie eine blutrote Tätowierung auf bleicher Stirn! Und welche Opulenz lag in diesem leeren, weißen Raum!

Es lohnte sich offenbar, die Konventionen zu brechen, gerade auch bei einer Erzählung aus dieser Szene, die um so vieles unkonventioneller war als andere Szenen. Dag goss sich ein weiteres Glas Wein ein und schaute aus dem Fenster. Es war fast ein Moment unermesslichen Glücks für ihn und um jede Sekunde geniessen zu können, entledigte er sich seiner Kleider und begann seine Glücksmeditation aus der er eine gute Stunde später in die Wachheit zurückkehrte. In eine Wachheit, die plötzlich etwas Bedrohliches annahm, kaum fassbar, mehr atmosphärisch und von beunruhigender Ungewissheit.

Spürte er, dass sich dieses wohlige Gefühl des Erfolges und der Souveränität schon bald in blankes Entsetzen wandeln sollte??

 

 

 

Just call me student
'Cause I know I got a lot to learn
Ain't been around this way too many times before There's still some things I've yet to know
But I am teachable
Pliable.......... flexible
Willing to explore
NefJones

There are as many nights as days, and the one is just as long as the other in the year's course. Even a happy life cannot be without a measure of darkness, and the word 'happy' would lose its meaning if it were not balanced by sadness....
Carl Jung

6. Kapitel

Wie Heather es hasste zu warten! Sie, die sonst immer so gelassen war, hatte hier ihre wunde Stelle, die in früher Kindheit schon aufgerissen worden war und von der sie quasi den Blutharsch immer wieder abkratzte.

Da war ihre Mutter, die mehr und mehr in den Alkoholismus abgedriftet war und sich ihr kaum noch gewidmet hatte. Ihr Vater arbeitete lange Zeit für SAP, was, wie sie ihn zu ihrem Entsetzen eines Tages am Telefon hatte sagen hören, "Scheiß aufs Privatleben" bedeutete, und er hatte dabei gelacht! Immer wieder hatte er ihr versprochen, mit ihr etwas zu unternehmen, ins Kino zu gehen, zum Rutenfest oder in den Zoo, aber dann war wieder mal irgendein wichtiger Einsatz dazwischengekommen. "Weißt du, ich bin so eine Art Troubleshooter," hatte er ihr versucht, sein plötzliches Fernbleiben zu erklären. Sie wusste nicht, was das war. Sie wusste nur, dass sie am Ende eines Samstages, nachdem sie Stunden um Stunden auf ihn gewartet hatte, bis dann der "Ich erkläre dir das morgen"-Anruf kam, unendlich gelitten hatte. Nicht nur psychisch sondern auch physisch. Später, erst viel später, fand sie sanften Trost bei Jesus.

Neben Heather bestellte jemand drei Tequila Zimt. Sie tauchte aus ihren Erinnerungen auf. Immer noch kein Florian. Hätte sie ihm etwa vor die Tür folgen sollen? Sich entschuldigen für die unbeabsichtigte Irritation? Dazu war sie zu stolz, sie, Lady Somnambula, die sich in Gästebüchern auch manchmal Lady Lobotomy nannte.

Heather war eine Weile lang versucht, ihre Hexenkräfte wirken zu lassen. Und - sie gab der Versuchung nach! Diesmal ja, dieses eine Mal hatte sie zu lange gewartet. Und Warten empfand sie als Demütigung. Allerdings nicht eine von der Sorte, die sie genießen konnte. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Im Gewittersturm seiner wirrenden und schwirrenden Gedanken hatte Florian den Club verlassen. War um die Ecke gebogen und fühlte sich vom Weißen Turm, der aufrecht (erect) hoch über die Stadt ragte, und sich in seinem Gefühlschaos in einen Schwarzen Turm verwandelt hatte, wie magisch angezogen. Ein Turm! Ein Traumsymbol für...
Heathers magische Hand schob Florian langsam aber energisch vorwärts.

So übersah er den Ford Focus C-Max, mit Sportsitzen vorn mit verstärktem Seitenhalt, Tabletts (klappbar) an den Vordersitzrückenlehnen, von denen der Fahrersitz eine einstellbare Lendenwirbelstütze besaß, einem Staufach für Brille auf der Fahrerseite im Dachhimmel, und einer Mittelkonsole vorn, die zwei Getränkehalter und Ablageflächen vorn und hinten, hinten zum Beispiel für CDs, Aschenbecher und Zigarettenanzünder beherbergte, die gegen Mehrpreis erworbenen Lederpolsterung in Schwarz inklusive beheizbaren Vordersitzen, der von rechts kam, ihn aber trotz seiner Bi-Xenon Scheinwerfer mit Scheinwerfer-Reinigungsanlage und dynamischer Leuchtweitenregulierung, die es allerdings nur in Verbindungen mit Nebelscheinwerfern gab, was der wissen sollte, der an den Erwerb des Modells Ghia denkt, denn um ein solches handelte es sich, und zwar um eines in Diamant-Weiß (ausgerechnet!), übersah, raste er doch mit laut dröhnenden Boxen mit einer Geschwindigkeit von über 80 kmh durch die Innenstadt, in der Tempo 30 galt.

Und wieder musste in der Schwarzen Szene ein viel zu früher Tod gemeldet werden, nachdem Florian von dem Raser erfasst, durch die Luft geschleudert worden und genau mit dem Genick auf dem gegenüberliegenden Bordstein gelandet war.

Wenig später ging dann auch Heather. Sie war durch ihre Hexerei etwas erschöpft, die vielen Details, mit denen sie das Auto ausgestattet hatte, waren kräftezehrend gewesen, obwohl so ein Ghia natürlich noch viel mehr an Innen- und Außenausstattung zu bieten gehabt hätte, aber auch noch das innovative Durashift-CVT-Automatikgetriebe, das für ein neues, ruckfreies und seidenweiches Fahrerlebnis sorgt, in ihren Zauberspruch mit aufzunehmen, hätte ihre Kräfte überfordert. und jetzt konnte sie die Musik nicht mehr ertragen, denn das Zaubern schärfte ihren Hörsinn noch mehr als die Meditation.

Aber dennoch spielte ein Lächeln um ihre Lippen, als sie die Clubtür schloss, vor der dieser Typ stand, der immer Fotos machte für eine zunehmend interessanter werdende, eigentlich lokale, Website, die aber weit über den Ort hinaus Aufmerksamkeit fand, war sie doch auf vielen namhaften Gothic-Websites und in etlichen Gästebüchern verlinkt, was nicht verwunderte, denn mit seinen Fotos aus der Schwarzen Szene gab er sich viel Mühe, wählte interessante Ausschnitte, besserte nach, wo etwas zu dunkel, zu hell oder unscharf war und ließ unvorteilhafte Aufnahmen fort, dies alles aus Liebe zur Nachtwelt, während auf anderen Websites der Szene offenbar alles, was zufällig an einem Abend geschossen wurde, egal wie verschwommen es war, 1:1 online ging, oft dann noch mit grauenhaft falschen Unterschriften wie "Vote this picture", und dem unbedarften Besucher das Gefühl vermittelte, dass Schwarze Szene ein Synonym für kommentarlose, unterbelichtete Szenefotos war.

Nein, wer sie einfach so versetzte wie Florian, der hatte kein besseres Schicksal verdient, lachte sie innerlich höhnisch aber doch auch mit einem Ansflug schmerzlicher Traurigkeit. Und das noch lange...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der "Weisse Turm" in Biberach

 

Riza im Sun Flower Club. Riza ist ein türkischer Name und reimt sich mit Pisa. Man spricht ihn also nicht Ritza aus, so dass er sich mit Pizza reimt. Respekt vor Namen sollte man unbedingt haben.!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pierre (noch einmal)

 

Dag wurde übel und er spürte, wie Krämpfe seinen Magen zusammenzogen. Rasch stand er von seinem Schreibtisch auf. Er brauchte eine Pause, Ruhe, andere Gedanken. Er durfte sich nicht in diesen Strudel von Vermutungen und Verdächtigungen hineinziehen lassen, der in seinem Kopf zu entstehen begann.

Heather schien die Geschichte in ihrem Sinne beeinflussen zu wollen. Aber das durfte nicht sein, zumal der Grund dafür möglicherweise mit jener tragischen Vorgeschichte zu tun hatte, die sich in einem Wort ausdrücken ließ: Jesus!

Er schaute auf die Uhr. Es war weit nach Mitternacht, Zeit, sich schlafen zu legen. Er zog das dünne Laken über sich, dann die Pferdedecke, die seiner Haut die Rauheit bot, die sie so oft brauchte, nach der sie sich sehnte, ja, nach der sie schrie - und die ihre nur zu selten jemand schenkte.... Nachts war es jetzt schon empfindlich kühl und die Decke umschmeichelte seinen Körper nicht, sondern war eher ein Notbehelf, für den man dankbar war, zumindest dann, wenn man in einem Straflager sein Zuhause hatte.

Dag schloss die Augen. Normalerweise war er innerhalb von fünf Minuten eingeschlafen. Aber heute schien ihn der Schlaf zu fliehen. Was nahm sich diese Heather heraus? Er hatte doch noch Pläne mit Florian, wollte die Genese seines Leidens in aller Ausführlichkeit schildern. Und jetzt ließ ihn Heather auf so klägliche Weise verrecken. Ließ ihn überfahren von einem Ford FocusC-Max - ausgerechnet in Weiß! Nein, er würde sich von dieser Person nicht den Verlauf der Geschichte diktieren lassen. Niemals!

Natürlich gab es Dinge, die er an Heather schätzte, ja sogar bewunderte. Und ihr Nacken war für ihn von einer schier unfassbaren erotischen Anziehungskraft. Aber letztlich war sie nur eine Figur in seiner Geschichte. Seine Figur! Er hatte sie geschaffen mit der Kraft seiner Vorstellung, mit dem Willen, eine Erzählung zu schreiben, die die weiße und die schwarze Welt versöhnen, die Frieden in eine zerstrittene Szene in Süddeutschland bringen sollte.

Sicher, beruhigte er sich ein wenig, alles war nur fiktiv. Auch der Unfall, den Heather mit ihren Zauberkräften hatte geschehen lassen. Aber konnte nicht Fiktion nur zu rasch zur Realität werden? So wie am 11. September, dem Tag, an dem er zwei seiner Freunde verloren hatte, Freunde, mit denen er vor Jahren gemeinsam in Albany den Film "Towering Inferno"gesehen hatte, jenen Katastrophenfilm, in dem ein Hochhaus in Flammen stand. Wie hatten sie damals noch gelacht über die unrealistische Handlung, die kitschigen Beziehungsdramen, die in die Geschichte eingeflossen waren.Und jetzt? Gary war vermutlich aus dem Fenster des Südturmes gesprungen, Orlando vielleicht bei lebendigem Leibe verbrannt. Man hatte keinen von beiden je gefunden.

Es gab, sah man einmal von Marius ab, keine Person, die eine Entsprechung in der Realität hatte. Und der trat in der Geschichte wissentlich auf, vielleicht sogar billigend, zumindest nicht protestierend. Nein, seine Geschichte war durchweg fiktiv, aber erfahrungsgemäß schützte dies nicht davor, dass manche Menschen meinten, Namen, die vorkämen, wären ihre Namen, Figuren, die definiert waren, würden ihre Freunde, vielleicht ihre verflossenen Beziehungen darstellen. Nichts von dem entsprach natürlich der Wahrheit, aber gegen Projektionen war man nie gefeit. Namen waren gefährlich.

Immer noch schien der Schlaf, dieser große Tröster, der Bruder des Todes, der Bilder auslöschen und bringen konnte, ihn zu meiden. Unruhig wälzte er sich hin und her. Endlich aber wusste er, was zu tun war, denn schließlich war er - und nur er! - Herr über das Geschehen. Er entspannte sich einen Moment lang und versetzte sich in die Szene, in der er Heather zuletzt gesehen hatte.

Er musste sie ablenken und dann - hinter ihrem Rücken gleichsam - den Verlauf der Handlung ändern. Denn Florian durfte nicht sterben - noch nicht! Dag wartete einen Moment ab, in dem Heather abgelenkt war, vielleicht weil neben ihr der Name Jesus gefallen war, etwas, das ihren Puls immer höher schnellen ließ. Vielleicht würde es aber auch etwas andres geben, dass ihre Aufmerksamkeit auf sich zog... Dag schaltete sich wieder in die Geschichte ein. Heather würde seiner Kontrolle nicht noch einmal entgleiten!

In diesem Moment fiel hinter Heather ein Glas vom Tisch und sie war eine Weile abgelenkt. Dag nutzte diesen Moment und strich den ihm so unrechten Teil des letzten Kapitels durch.

Heather war eine Weile lang versucht, ihre Hexenkräfte wirken zu lassen. Und - sie gab der Versuchung nach! Diesmal ja, dieses eine Mal hatte sie zu lange gewartet. Und Warten empfand sie als Demütigung. Allerdings nicht eine von der Sorte, die sie genießen konnte. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Im Gewittersturm seiner wirrenden und schwirrenden Gedanken hatte Florian den Club verlassen. War um die Ecke gebogen und fühlte sich vom Weißen Turm, der aufrecht (erect) hoch über die Stadt ragte, und sich in seinem Gefühlschaos in einen Schwarzen Turm verwandelt hatte, wie magisch angezogen. Ein Turm! Ein Traumsymbol für...
Heathers magische Hand schob Florian langsam aber energisch vorwärts.

So übersah er den Ford Focus C-Max, mit Sportsitzen vorn mit verstärktem Seitenhalt, Tabletts (klappbar) an den Vordersitzrückenlehnen, von denen der Fahrersitz eine einstellbare Lendenwirbelstütze besaß, einem Staufach für Brille auf der Fahrerseite im Dachhimmel, und einer Mittelkonsole vorn, die zwei Getränkehalter und Ablageflächen vorn und hinten, hinten zum Beispiel für CDs, Aschenbecher und Zigarettenanzünder beherbergte, die gegen Mehrpreis erworbenen Lederpolsterung in Schwarz inklusive beheizbaren Vordersitzen, der von rechts kam, ihn aber trotz seiner Bi-Xenon Scheinwerfer mit Scheinwerfer-Reinigungsanlage und dynamischer Leuchtweitenregulierung, die es allerdings nur in Verbindungen mit Nebelscheinwerfern gab, was der wissen sollte, der an den Erwerb des Modells Ghia denkt, denn um ein solches handelte es sich, und zwar um eines in Diamant-Weiß (ausgerechnet!), übersah, raste er doch mit laut dröhnenden Boxen mit einer Geschwindigkeit von über 80 kmh durch die Innenstadt, in der Tempo 30 galt.

Und wieder musste in der Schwarzen Szene ein viel zu früher Tod gemeldet werden, nachdem Florian von dem Raser erfasst, durch die Luft geschleudert worden und genau mit dem Genick auf dem gegenüberliegenden Bordstein gelandet war.

Wenig später ging dann auch Heather. Sie war durch ihre Hexerei etwas erschöpft, die vielen Details, mit denen sie das Auto ausgestattet hatte, waren kräftezehrend gewesen, obwohl so ein Ghia natürlich noch viel mehr an Innen- und Außenausstattung zu bieten gehabt hätte, aber auch noch das innovative Durashift-CVT-Automatikgetriebe, das für ein neues, ruckfreies und seidenweiches Fahrerlebnis sorgt, in ihren Zauberspruch mit aufzunehmen, hätte ihre Kräfte überfordert. und jetzt konnte sie die Musik nicht mehr ertragen, denn das Zaubern schärfte ihren Hörsinn noch mehr als die Meditation.

Aber dennoch spielte ein Lächeln um ihre Lippen, als sie die Clubtür schloss, vor der dieser Typ stand, der immer Fotos machte für eine zunehmend interessanter werdende, eigentlich lokale, Website, die aber weit über den Ort hinaus Aufmerksamkeit fand, war sie doch auf vielen namhaften Gothic-Websites und in etlichen Gästebüchern verlinkt, was nicht verwunderte, denn mit seinen Fotos aus der Schwarzen Szene gab er sich viel Mühe, wählte interessante Ausschnitte, besserte nach, wo etwas zu dunkel, zu hell oder unscharf war und ließ unvorteilhafte Aufnahmen fort, dies alles aus Liebe zur Nachtwelt, während auf anderen Websites der Szene offenbar alles, was zufällig an einem Abend geschossen wurde, egal wie verschwommen es war, 1:1 online ging, oft dann noch mit grauenhaft falschen Unterschriften wie "Vote this picture", und dem unbedarften Besucher das Gefühl vermittelte, dass Schwarze Szene ein Synonym für kommentarlose, unterbelichtete Szenefotos war.

Nein, wer sie einfach so versetzte wie Florian, der hatte kein besseres Schicksal verdient, lachte sie innerlich höhnisch aber doch auch mit einem Ansflug schmerzlicher Traurigkeit. Und das noch lange...

Erleichtert seufzte Dag auf. Heather schien nichts bemerkt zu haben und so konnte er den Faden wieder aufnehmen, und er war sich sicher, dass durch die Gefühle, die er jetzt in ihr auslösen würde, dieser kleine Zeitsprung ihr nicht mehr bewusst werden würde.

 

 

"Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. [...] Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen."
Michael Ende, Momo

Nam vitiis nemo sine nascitur; optimus ille est, qui minimis urgetur. (Denn kein Mensch wird ohne Fehler geboren; der beste ist der, welcher von den geringsten bedrückt wird.)
Horaz, Satirae

 

7. Kapitel

Heather spürte, wie sie unruhig wurde. Abrupt drehte sie sich um, als hinter ihr ein Glas vom Tisch fiel und stieß dabei gegen den Barhocker, auf dem noch immer Florians Mantel lag. Ein Zettel fiel aus der Innentasche auf den Boden und Heather hob ihn neugierig auf. Neugier war schon immer eine ihrer Schwächen gewesen.

Es war ein Gedicht mit dem Titel "Du" und es war wunderschön. Wem mochte es gelten? Hatte Florian es selbst geschrieben? Und für wen? Heather starrte versonnen in den Raum. Dann drehte sie das hübsch gestaltete Blättchen um und erstarrte. Dort stand ihr Name. War Florian in sie verliebt? Warum nur sagte er es ihr nicht? Sicher, wohl mehrere hundert Mal hatten sich ihre Korea-Gläser berührt. Und mehrere hundert Mal war nichts passiert. Aber jetzt machte es plötzlich ZOOM! als Heather, die leicht schwindelte, gegen den Barhocker lehnte und dieser laut metallisch klirrend zu Boden fiel. Einmal, zweimal. Immer wieder fiel der Stuhl vor ihren - und nur ihren! - Augenl. Wie in Zeitlupe. wie im Kino. Aber Heather achtete dessen kaum.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sessel mit dem Weltbestseller.

 

Dag war glücklich. Glücklich, weil es ihm gelungen war, Heather abzulenken und die Geschichte noch rasch in eine neue Richtung zu lenken. Eine Richtung, die einen optimistischeren Fortgang vermuten ließ. Oder doch zumindest einen Fortgang. Denn es gab noch so viel zu sagen, so viel den LeserInnen mitzuteilen, die diese Geschichte teils amüsiert, teils angewidert verfolgten.

Dag gab sich einen Ruck. Die Erzählung musste weitergehen. Schließlich wusste er ja schon, wie sie sich in den nächsten Phasen entwickeln würde. Es musste nur zu Papier gebracht werden. Er legte das Buch beiseite, in dem er eine Weile geblättert hatte und das für die Erzählung so eine wichtige Rolle spielte. Dann erhob sich von dem Korbsessel, dessen Bequemlichkeit seinen Gedankengängen so förderlich war, um sich einen großen Becher Café Camino zuzubereitete, der nicht nur köstlich mundete, sondern auch noch aus fairem Handel stammte. Ihn wollte er in Ruhe genießen, bevor er das nächste Kapitel schrieb.

 

 

There are some qualities- some incorporate things, That have a double life, which thus is made. A type of that twin entity which springs From matter and light, evinced in solid and shade.
Edgar Allen Poe

Der Blick
Du siehst mich an! - Ein unbegreiflich Irren
Hält meinen Blick, - will mir das Herz verwirren!
Ein bunter Pfeil durchfliegt die klare Luft,
Ein Farbenflor verhüllt die Welt in Duft.
Der Himmel wird ein flammend Meteor,
Und überall dringt Zauberklang hervor,
Leis, wie der West, wie Millionen Glocken
Mit höchster Kraft verwirrend mich zu locken.
So wechselnd rasch mir Qual und Lust zu geben,
Bald flammend heiß, durchdringend all mein Leben,
Bald eisig starr zum Todten mich zu wandeln -
Unfähig nun zum Denken, Sprechen, Handeln,
Löst all mein Wesen sich in diesem Blick -
Da siehst Du fort - Besinnung kehrt zurück!
Zum Tode matt, will ich mich Dir entziehen
Und folge Dir, und meine, Dich zu fliehen.

Adele Schopenhauer

8. Kapitel

Heather hasste dieses Gefühl des Verlassenseins. Alleinsein, das konnte sie, ohne sich einsam zu fühlen. Auf den endlos langen Waldspaziergängen des Wochenendes, beim Sich-Einlassen auf die Gefühlswelt der Musik, wenn sie daheim auf ihrem Meditationsteppich lag. Ja, das war kein Problem. Das war purer Genuss, wenn die Gefühle und die Gedanken angeschwommen kamen wie ein Zwieback auf einem Teller warmer Milch, bevor die Milch ihn mit sanfter Kraft in sich hineinsog, der Zwieback mit ihr verschmolz, so wie auch die Musik von Blutengel mit Heather verschmolz, zumindest an den Tagen, an denen die Melancholie ihre Gefühle bestimmte.

Aber verlassen? Zwar hatte sie im Laufe ihres Lebens gelernt, mit dieser Schwäche zurecht zu kommen, es war nur dann, wenn ihr Herz und vor allem wenn erotische Gefühle im Spiel waren, dass sie so heftig reagierte.

Natürlich war das jenen Jahren geschuldet, in denen sie als Kind so oft vergeblich auf ihren Vater gewartet hatte, dass sie schließlich in ihrer kindlichen Unwissenheit auf den Gedanken verfiel, bei ihm müsse es sich um einen "Vater Morganer" handeln, also um einen, der, wie sie glaubte, lediglich in flimmernder kindlicher Phantasie existierte, sofern das dazugehörige Kind in der Gluthitze einer Wüste von vaterloser Sehnsucht ohnmächtig gefangen war, dass sie, Heather, also demnach durchaus vaterlos auf die Welt gekommen war und dort jetzt zu überleben versuchen musste.

Wann immer diese Saite in Heather anklang, spürte sie ein Sehnen nach Gewalt, nach Blut, nach Rache. Aber sie kannte dieses Gefühl nur zu gut, um ihm nachzugeben. Und dann spürte sie dem anderen nach, das ebenfalls mitschwang: dem Sehnen nach Geborgenheit und Lust.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bertold Dag lehnte sich zurück. Einerseits gefiel ihm das letzte Kapitel, denn es war inhaltsreich und der Vergleich mit dem Zwieback schien ihm überaus treffend. Und doch...

Und doch kamen ihm Zweifel. Schien er nicht zu viel zu wortreich zu definieren? Wäre es nicht besser, den Leserinnen statt Hunderten von Wörtern einfach einige Bilder zu servieren, an denen sich ihre Phantasie, was den Fortgang der Geschichte anging, entzünden konnte? Immerhin sollte man seine LeserInnen nie unterschätzen, schon gar nicht die aus der Schwarzen Szene, die sicher jede Andeutung richtig interpretieren könnten und würden. Bloß wie könnten solche Bilder aussehen? Er griff zu Schere und Klebstift und montierte eine Seite, die quasi ein ganzes Kapitel darstellen solte. Ohne Wörter, allein durch die Kraft der Bilder sprechend. Natürlich war auch diese Vorgehensweise nicht ohne Fallstricle. Würde nicht eventuell jemand sich ereifern und schreiben "Da, auf dem Foto, das sind meine Eltern! Frechheit!! Oder zumindest sehen sie so ähnlich aus." Oder: "Da! Ein Busen! Genau so etwas hatte meine Freundin auch!! Ist die damit gemeint?" Vor solchen Missverständnissen war man nicht gefeit.

Würde dieses Experiment gelingen? Dag hatte seine Zweifel, aber er wusste: Wer nichts riskierte, war schon verloren. Letztlich würden die LeserInnen entscheiden. Was schlecht war, würde einfach nicht gekauft, oder, wenn es sich um eine Online Publikation handelte, nicht beachtet werden.

Dag beschloss, das Risiko einzugehen und es den LeserInnen zu überlassen, zu entscheiden, ob das Bilderkapitel eine reale Handlung darstellte oder nur einen Einblick in Gedanken und Phantasien der Protagonisten vermitteln würde.

Allerdings blieb noch das kleine Problem des Bildmaterials. Würden Fotos aus der regionalen Szene ausreichen oder müsste man - gleichsam traszendierend - andere Elemente der Welt der Gothics heranziehen müssen? Dag entschloss sich für letzteres.

Fortsetzung folgt.