| Hinter die Kulissen der Filmfestspiele Biberach führt K.-D. Diedrich in diesem Auszug aus seinem Buch "Die Biberacher Zeit". Diese Filmfestspiele, die, anders als die in Hof, ausschließlich den deutschen Filmen und denen aus Österreich (selten) und der deutschsprachigen Schweiz (häufiger) vorbehalten waren und sind, stellten – und so ist es heute noch – den Höhepunkt des Biberacher Kinojahrs dar, obwohl es seit 79 einige Jahre währte, bis sie auch in der ansässigen Durchschnittsbevölke-rung (zugegeben ein unpoetisches Wort) Akzeptanz erreichten, denn obwohl die Stadt klein ist und in allen Jahren, in denen ich in ihr lebte, nie über die Einwohnerzahl von 30 000 bis 31 000 hinauswuchs, dauerte es seine Zeit (oder eben weil die Stadt höchstens als "Mittelzentrum" der Region gelten kann, wiewohl es ein "Oberzentrum" nicht gibt, und Ulm als die nächste größere Stadt zählt genau genommen gar nicht zu Oberschwaben), bis Ungewohntes in die Köpfe und ins Interessenspektrum vordrinen konnte. Über drei Ein- und Ausfallstraßen hingen recht dürftig wirkende Transparente gespannt, in den Achzigern, und ob es noch heute so ist, hat sich meiner Wahrnehmung entzogen, doch die wiesen höchsten die Auswärtigen, die tatsächlich aus dem Raum Ulm, aus ganz Oberwschwaben, vom Bodensee, aus dem Ostallgäu, einige aus noch weiter entfernten Gegenden und Stätten, anreisten, und ein paar von ihnen übernachteten sogar in einem der Hotels der Stadt, noch einmal darauf hin, daß die Filmfesttage durchaus stattfanden; eine der Eigenschaften der Biberacher Mentalität war es seit jeher, sich erst einmal unauffällig und mit einer Spur Mißtrauen zurückzuhalten. Die Oberschwaben sind kein sehr offener Menschenschlag und es dauert etwas Zeit, bis sie sich dazu entschließen, Annäherungen von Fremden, von Fremdem, zuzulassen. Auch die Zwänge der modernen Arbeitswelt konnten dieses Verhalten nicht wirklich überwinden. Im "Oberland" wehte schon immer ein rauherer Wind, und das ist wörtlich zu nehmen. Für den Bruder des Veranstalters, Claus K., und mich bedeutete dieses Festival ein immenses Anschwellen der Arbeit. Kontinuierlich türmten sich die großen schwarzen Filmkartons überall im "Urania"/"Sternchen"-Vorführraum auf, Filme mußten abspielfertig auf die Teller gelegt werden, und die, die nicht von der Regisseurin oder vom Regisseur persönlich – wie viele Namen sind längst wieder aus dem Gedächtnis entwichen, und nicht alle Programme bewahrte ich auf! – frisch aus dem Kopierwerk mitgebracht wurden, sondern schon andere Vorführräume gesehen hatten, in denen ein laxeres Regiment herrrschte, hatten, Meter für Meter, in der üblichen Zweifingermethode auf Schäden geprüft zu werden, denn nichts ist für die technischen Hintermänner eines Kinos peinlicher als falsch vorgeführte Filme, und wenn sie sogar aufgrund einer in anderen Projektorenräumen nachlässig reparierten Klebestelle während der Vorführung rissen, dann brach schnell das Chaos aus, denn dann dauerte es doch, auch wenn so schnell wie sonst nie gearbeitet wurde, einige Zeit, bis der Film wieder weiterlief, doch war dann die für ihn vorgesehene Zeitspanne überschritten und die Vorstellungsanfänge für die nachfolgenden konnten nicht mehr eingehalten werden. Auch wenn das nicht geschah – es geschah in den Filmtagen sehr selten – und dann die Filme problemlos durch die Apparate ratterten, hatten C.K. und ich genügend Anläße für gelegentlich nicht zurückgehaltene lautstarke Flüche und Verwünschungen, denn der Streß, die Zelluloidstreifen (seit Mitte der achtziger Jahre etwa war das Filmmaterial aus Kunststoff) rechtzeitig abspielbar zu haben, war enorm, und obzwar wir am dritten, am vierten, fünften ... Filmfest dann ja abschätzen konnten, was auf uns zukam, half uns das nichts, denn spätestens am zweiten Abend, wenn das Festival richtig angelaufen und das Programm umfangreicher geworden war, die Besuchermassen – und in einem eher kleinen Kinofoyer wirkt ein stärkerer Andrang sofort so – sich drängten und schubsten (Zigarettenqualm über den Köpfen), die Filmemacher und -innen, Stars oder noch Anfänger, von Kino zu Kino eilten, um sich die Konkurrenzprodukte anzusehen, Adrian K. die allmählich sich anbahnende erste Nervenkrise mühsam beherrschte (und für uns Filmvorführer, die wir der Arbeitsteilung wegen auch im oberen Vorführraum die Filme, die für’s untere "Stardust"-Kino gebraucht wurden, zusammenklebten, "koppelten", war, wenn wir die großen Spulen schließlich hinuntertrugen, im Foyer kaum ein Durchkommen, und da mir in diesen Kinotagen sowieso die Zeit davonlief, nervte mich das; mit grimmiger Entschlossenhiet stapfte ich durch die Horde vor den Kassen) – dann stemmten sich in solchen Stunden der Veranstalter, sein Bruder und ich, die Kassierinnen und die Platzanweiserinnen gegen die langsam aber mit unerbittlicher Logik dräuend sich nähernde Gefahr des chaotischen Ablaufs des restlichen Abends, die sich in verzögerten Aufführungszeiten, Regisseuren mit Sonderwünschen, die vorgesehene Zeitspanne überziehende Diskussionen nach den Vorführungen, technischen Pannen, ungeduldigen nachrückenden Zuschauern und Hetzerei in den Vorführräumen zeigte. Zwischendurch, wenn ich im Kabuff arbeitete, getrieben von den Zeigern meiner Armbanduhr, kamen Jungregisseure, "die kleinen Könige", wie wir im Kino sie nannten, herein, Hochschulabsolventen oder solche, die noch nicht fertig mit dem Filmstudium waren, und gaben Anweisungen, die Projektion ihrer Kurzfilme betreffend, die in den achtziger Jahren mit einem vor den großen Projektor des "Sternchens" geflanschten 16-mm-Projektor vorgeführt wurden. Ich mochte 16-mm-Filme nicht. In der Regel waren diese Kopien schon auf unzähligen Festivals abgenudelt worden und hatten Materialmängel; auch diese Filme wurden, wenn sie nicht doch kopierwerksfrisch waren oder der Regisseur, die Regisseurin nicht versichtern, daß diese Kopie in Ordnung sei, vor dem Einlegen in den Projektor im üblichen Verfahren geprüft, und weil die einzelnen Bilder sehr viel kleiner als bei, logischerweise, 35-mm-Filmen waren, und die Streifen schmaler, waren sie empfindlicher, und ich empfand sie paradoxerweise immer unhandlicher als die "großen" Filme. Es war ein Gefummel mit ihnen. Und auch die Projektion auf diesem Gerät war heikel, die automatische Ab- und Aufspulungen auf große dünne leichte Metall- oder Plastikspulen funktionierte nicht immer so wie vorgesehen, ständig mußte man gewärtingen, ob sich beim Abwickeln nicht etwas Unerfreuliches entwickelte, und dann sprangen oft während der Vorstellung im überfüllten "Sternchen" die jungen Filmer herbei, weil plötzlich der Ton, beispielsweise, ihres Erachtens nicht stimmte, der aber am hinteren Ende des Kinosaals einzustellen war, oder sie kamen aus anderen Gründen in den vollgestellten Vorführraum. Und überall hatte man gleichzeitig vorhanden zu sein. Freilich besaßen die Jungfilmer ein legitimes Interesse daran, daß das Publikum ihre ersten Werke in optimaler Präsentation zu sehen bekam; aber manche übertrieben’s. Bis ein Uhr dreißig und später rödelten und schufteten wir Vorführer, bis über die letzte Vorstellung hinaus, weil eben die Kurzfilme, doch auch längere, die nur, was allerdings die Ausnahme war, einmal gezeigt wurden, von den Machern am nächsten Tag, sofern sie nur für einen Abend anwesend waren, mitgenommen wurden. So kam ich vor zwei Uhr dreißig nicht aus dem Kino; zumal ich dann ab und zu mich noch an den Tresen des "Sternchens" stellte und mit Freunden und Bekannten über diese Tage und ihre Ereignisse plauderte, mit einem Glas Whisky oder Wein in einer Hand. Dann wurde es sogar drei oder vier Uhr. Das waren sehr streßreiche, aber in manchen Minuten auch schöne Tage und Nächte. Nach Mitternacht dekorierten eine Platzanweiserin und ich, der die Plakate und Fotos hervorholte und zurechtlegte, die Schaukästen neu für das Programm des folgenden Tages. Nicht immer angenehm diese Arbeit, bei der Kälte, die draußen, und der strengen Kühle, die im Foyer in solchen Spätnovembernächten durch die Kleidung kroch. Mit klammen Fingern hefteten wir mit Stecknadeln Plakate und Bilder auf die Styropor- und Teppichbödenflächen der Tafeln und der ins Foyer stehenden, von der Fensterwand entfernten hüfthohen Aushangfläche der Fensterfront und bosselten zwanzig Minuten und länger herum, bis auch das erledigt war. Mit dem Taxi ließ ich mich endlich nachhause fahren, oder eine der Bedienungen, die ebenfalls gehen konnte (an diesen Filmtagen befand sich mehr Personal als sonst im Gastronomiekino "Sternchen" üblich), machte mit ihrem Auto einen Schlenker durch die tiefnächtlich dunkle Stadt und setzte mich vor der Hochhauskulisse ab, während ihre Kolleginnen bis in die Puppen, bis zum Morgen unter Umständen, hinter und vor der Theke die Kinobesucher und Filmleute bewirteten; vor allem letztere, die ja kaum einmal einsahen, daß alles mal ein Ende haben muß. Übrigens konnte es schon vorkommen, daß die "kleinen Könige" artig, wenn ich dann ihre Filmdosen im Vorführraum oder im Kino ihnen übergab, sich bedankten. Von allen arrivierten Meistern oder Meisterchen der Filmkunst, die in allen Jahren meiner Kinoarbeit bei den Kutter’schen Filmfestspielen aufkreuzten, und fast alles, was zu Rang und Namen kam oder gekommen war, zeigte sich, richtete allein Rudolf Thome ein Wort des Dankes an den Filmvorführer, an mich. Ich habe mir das durchaus gemerkt. - Grautrüb, feucht.
27.11.2002 |