Asylbewerber in Biberach  . Folge 6: Willkommen in Europa

Die Organisation Médecins Sans Frontières (MSF), Ärzte ohne Grenzen, beschreibt in der Broschüre „Migrants in detention – Lives on hold“ vom Juni 2010 die Situation der Flüchtlinge in den Lagern in Griechenland. Wir haben einige Passagen übersetzt und zusammengefasst.


Jedes Jahr kommen Zehntausende Asylsuchende und Migranten in Griechenland an, der südöstlichen grenze Europas. Im Jahre 2009 wurden 34.472 illegale Migranten an den griechisch-türkischen Land- und Seegrenzen verhaftet. Viele kamen aus unstabilen oder vom krieg zerrissenen Ländern oder sind , Menschenrechtsverletzungen, der Verfolgung oder extremer Armut entkommen. Fairoz, einer der Asylbewerber in Biberach, hat drei Monate in dem Lager Pagano bei Mitilini verbracht.

Afghanen sind die größte Gruppe der Neuankommenden, gefolgt von Irakern, Somaliern, Palästinern und Pakistanis. Unbegleitete Minderjährige und Familien finden sich immer häufiger unter denen, die sich auf den Weg machen. Da es an legalen Wegen, nach Europa zu gelangen mangelt, sind Migranten und Asylsuchende gezwungen, die Dienste von Menschenschmugglern in Anspruch zu nehmen und werden so Opfer von Ausbeutung oder Gewalt durch kriminelle Netzwerke.

Sie haben oft Traumatisierendes erlebt. Fast ein Viertel der MSF-Patienten sprachen über Attacken bewaffneter Gruppen, Bombenangriffe. Schläge oder andere Formen der Gewalt, die sie selbst erfuhren oder in ihrem Heimatland mit ansehen mussten.

Die Inhaftierung bei der Ankunft in Europa war aber der herausragende Hauptgrund für Frustrationen der Mehrheit dieser Migranten und Asylsuchenden Für die meisten war es eine schmerzhafte und unmenschliche Erfahrung.

Von den 305 Migranten, mit denen MSF bei ersten Kontakten sprechen konnte, zeigten 39% Angstsymptome wie beständige Sorge, Furcht, Panik, und Unruhe, während 31% Symptome der Depression zeigten wie Traurigkeit, Interesselosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Gedanken an den Tod.


Für griechische Gefängnisse gilt die Vorschrift, dass Gefangene pro Person sechs Quadratmeter ur Verfügung haben sollten, dazu Betten Tische und Stühle.
In den überfüllten Lagern hatten die Migranten oft weniger als 1,5 Quadratmeter zur Verfügung. Es standen nur eine funktionierende Latrine und eine Dusche für 150 Personen zur Verfügung, Beide waren wegen der Überbeanspruchung oft defekt. Überfließende Toiletten und Duschen überschwemmten oft die Zimmer und die auf dem Boden liegenden Matratzen wurden nass. Trinkwasser gab es nur an Hähnen in der Nähe von Latrinen. Hinzu kamen Mäuse und Ratten.

Aus diesen Räumen ins Freie zu gehen wurde den Migranten of wochenlang untersagt oder nur für fünf bis zehn Minuten am Tag gestattet.

Die Hilforganisationen haben kaum Zugang zu den Lagern. Medizinisches Personal besucht die Gefangenenzellen nur selten. Da sich dann die Menschen an den Gittern drängen, werden die Schwächsten und schwerer Kranken oft nicht bemerkt.
Das leiden der ohnehin traumatisierten Flüchtlinge wird so noch verstärkt. Für Frauen und Kinder ohne Eltern ist die Situation besonders schwierig. Die Entwurzelung bedeutet den mehrfachen Verlust von Heimat und gewohnter Umgebung, die Trennung von Familienangehörigen, die Unfähigkeit, ihnen zu helfen, Ungewissheit über die Zukunft. Dazu kommt der Stress durch die Haft, die Arbeitslosigkeit und die ungewohnte Umgebung.

 

Das schlimmste Lager, Pagani, ist inzwischen weitgehend geschlossen.

Bilal ist ein Illegaler, unterwegs auf einer der berüchtigtsten Transitrouten von Afrika nach Europa. Bilal ist Fabrizio Gatti, der renommierte Journalist und »italienische Wallraff«, der sich unter diesem Namen als Migrant unter die anderen gemischt hat, um vom Senegal nach Italien zu gelangen, um zu erleben, was sie erleben, und davon zu erzählen.
Hier (mit freundlicher Genehmigung des Verlages) zwei Auszüge aus dem im Verlag Antje Kunstmann erschienenen Buch, das wir allen am Asylthema interessierten LeserInnen empfehlen. Gatti beschreibt unten die brutalen Verhältnisse im italienischen Internierungslager Lampedusa. Keine leichte Lektüre.
Fabrizio Gatti: Bilal. Aus dem Italienischen von Rita Seuß, 24.90 EUR, 460 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. ISBN 978-3-88897-587-5. Verlag Antje Kunstmann. Mehr zum Buch beim Klick aufs Titelbild.

Die Toiletten im großen Käfig von Lampedusa sind eine unvergessliche Erfahrung. Der Fertigbau, in dem sie sich befinden, ist in zwei Bereiche unterteilt. In einem befinden sich acht Duschen mit verstopftem Abfluss, vierzig Waschbecken und acht Stehtoiletten, randvoll mit einer zähflüssigen Masse. Die Quelle der beiden violetten Rinnsale. Im anderen Bereich sind fünf WCs, zwei davon ohne Spülung, fünf Duschen, acht Waschbecken. Aus den Wasserhähnen kommt nur Salzwasser: kein angenehmes Gefühl, wenn man sich unterwegs Hautverletzungen zugezogen hat oder an Krätze leidet, wenn man einen Sonnenbrand oder Brandwunden vom Benzin hat wie fast alle, die auf Booten zusammengedrängt waren. Es gibt keine Türen. Keinen Strom. Keine Privatsphäre. Man erledigt alles vor aller Augen und bedeckt sich, so gut es geht, mit dem Handtuch. Auch Toilettenpapier gibt es nicht, man muss sich mit den Händen behelfen. Es ist ratsam, nachts hierherzukommen, da sich am Tag die Fäkalien am Boden höher türmen als die Sandalensohlen, sodass man mit den Füssen im Unrat steht. Aber auch ein Fußbad im Waschbecken ist ein Problem. Denn sobald man den Fuß hineinstellt, fängt die ausgezogene Sandale an, im Strom der Fäkalien wegzudriften. (Fortsetzung der Leseprobe hier.).

 

Teil 1 der Weberberg.de-Serie über Flüchtlinge in Biberach

Teil 2 der Weberberg.de-Serie über Flüchtlinge in Biberach

Teil 3 der Serie über Flüchtlinge in Biberach

Teil 4 der Serie über Flüchtlinge in Biberach

Teil 5 der Serie über Flüchtlinge in Biberach

Teil 6 der Serie über Flüchtlinge in Biberach

Teil 7 der Serie über Flüchtlinge in Biberach

Teil 8 der Serie über Flüchtlinge in Biberach

Teil 9 der Serie über Flüchtlinge in Biberach

Von Flüchtlingsschleppern als Sklaven ausgebeutet, oft völlig mttelllos gestrandet, oft genug mit dem LKW in der Wüste stehen geblieben und verdurstet, das sind die Schicksale der Migranten und Flüchtlinge. Typisch für die Misshandlungen und Gefahren, denen sie auf ihrem lebensgefährlichen Treck durch die Sahara ausgesetzt sind, ist die Situation in der Stadt Dirkou . der "Sklavenoase" im Niger. Noch einmal Fabrizio Gatti:

Die Soldaten bleiben vor jedem Passagier stehen. Einer sagt auf Französisch endlich: „Mach mir ein Geschenk!“ Der kniende Mann zu seinen Füßen schaut den Soldaten an, der wiederholt: „Mach mir ein Geschenk.“ Der Mann antwortet nicht. „Sergeant.“ Der soldat ruft seinen Vorgesetzten, der sich mit nasser und dem anderen Fahrer unterhält. „Sergeant, die haben keine Geschenke für uns.“ „Wie viel willst du?“ flüstert der Kniende. „Zehntausend Francs. Heute reichen zehntausend Francs. Wenn ihr in europa seid.“ Fährt er an alle anderen gewandt fort, „verdient ihr zehntausend Francs in zwei Stunden. Machst du mir also ein Geschenk?“ „Ich habe keine zehntausend Francs“, sagt der Knieende und blickt unverwandt auf die staubigen Hosenbeine des Soldaten. Seine Schultern sind starr, du er hält die Hände fest auf dem Kopf. Der Soldat betrachtet ich schweigend. Plötzlich zieht er das Maschinengewehr fest an die Brust, während er mit der Linken den Mann vor ihm am Ohr packt und ihn hochzieht. Die beiden Fahrer und der Sergeant kommentieren das Geschehen lachend auf Arabisch. Der Mann wird mit den Händen auf dem Rücken in die Folterbaracke gezerrt. Wieder das Zischen, wieder Klagelaute- Jetzt zahlt jemand. Nach wenigen Minuten wird ein anderer Mann an den Ohren hochgezogen. Das Zittern seiner Schultern verrät, dass er weint. Der Soldat neben ihm lässt ihn wieder hinknien, dann gibt er ihm wortlos einen Fußtritt zwischen Knie und Hüfte. Der Mann versucht seinen Kopf mit den Händen zu schützen, denn er erwartet schon den nächsten Angriff. Und der Soldat schlägt ich tatsächlich mit der Faust so in den Rücken, das die Fingerknöchel genau das Rückgrat treffen. Der Brustkorb des Mannes wölbt sich vor, und aus seinem aufgerissenen Mund löst sich ein Schrei. Man müsste eingreifen. Müsste den Soldaten daran hindern weiterzumachen. Aber die Soldaten sind bewaffnet, und man kann einen bewaffneten Soldaten nicht attackieren. Auch einen unbewaffneten nicht, wenn es nur wenige Meter bis zur Kaserne sind. Man kann ihn nur ablenken…

 

Ärzte ohne Grenzen über die Zustände in griechischen Lagern für Flüchtlinge. (PDF, egl.).

Texte und Bilder zur Situation der
Flüchtlinge in Griechenland.