Asylbewerber in Biberach  . Folge 1: Problem Lebensmittelkisten  
Biberach, Bleicherstraße 47. Der Lieferwagen kommt pünktlich um 7.30 Uhr an diesem Mittwoch. Drei Mal in der Woche, jeweils montags, mittwochs und freitags fährt er in die Einfahrt des Asylbewerberheimes. Der Lastwagen mit Aalener Kennzeichen ist, und das ist ungewöhnlich, unbeschriftet. Man sieht nicht, wer hier liefert. Es ist die Drei König Lebensmittelservice GmbH & Co KG aus Schwäbisch-Gmünd, die für die Lieferungen zuständig ist. Eine der großen Lieferantenfirmen, die sich diesen besonderen Markt in Deutschland und Europa teilen. Wenig später stehen die ersten Asylbewerber vor der Laderampe. Der Fahrer trägt die Kisten mit den vorbereiteten Lebensmitteln hinaus. Er ist neu und deshalb dauert die Verteilung der Essenskisten länger, manchmal fast bis zu einer Stunde. Bisher war alles gut eingespielt gewesen. Es ging alphabetisch, das verkürzte die Wartezeit, weil man wusste, wann man dran war. An diesem Tag haben die Asylbewerber Glück. Es ist zwar kühl, aber es regnet nicht. Bei heftigem Regen oder in strenger Winterkälte wird der morgendliche Essensempfang äußerst unangenehm. Manche der Empfänger der Kisten liegen noch im Bett, müssen erst wachgeklopft werden. Die Dame vom Landratsamt kennt ihre Klientel, fragt nach den Fehlenden und hakt Listen ab. Bereits vorher war sie von Tür zu Tür gegangen, um die Schlafenden zu wecken. Drei Tomaten kullern in einer Kiste. Eine Nachlieferung. Beim letzten Mal waren die Tomaten ungenießbar gewesen. Die Lebensmittelkisten zweier Asylbewerber. Eier, Mineralwasser, Brötchen, Reis, Wurst und ein Apfel liegen in der einen. Eier, Mineralwasser, Putenfleisch, Reis und ein Apfel in der anderen. Puzzleteile. Für einen Speiseplan für eine Woche braucht man mehr. Um einigermaßen erträglich zu kochen, müssen sich die Asylbewerber absprechen: mein Hühnerfleisch, dein Öl und sein Reis, dann geht was. Die Marken der Produkte, sieht man mal von dem "Gut & Günstig"-Label der Eigenmarke der Edeka ab, kennt man nicht. Es sind billigste No-Name-Produkte. Wenn es Zahnpasta gibt, dann kommt sie aus Indien. Apfelsaft aus Tschechien.
Die Asylbewerber haben Listen, auf denen sie ankreuzen können, was sie geliefert haben möchten. Montags müssen sie die Liste für mittwochs einreichen, mittwochs die für freitags und freitags die für Montag. Eine grüne Liste, eine rosa Liste und eine Liste in Beige. Die Listen sind mehrsprachig. Anders dagegen die Hinweise für das Verhalten in Brandfall, das im Flur aushängt. Die gibt es nur auf Deutsch.

Mit welchem Kisteninhalt möchten Sie sich zwei bis drei Tage ernähren? Die Kosten für die Zusammenstellung und Anlieferung der Kisten zahlt der Steuerzahler. Unnötigerweise.
Der Korb rechts enthält tiefgekühlte Hähnchenschenkel, drei Becher Joghurt, ein Fladenbrot, 250g Reis, ein Pfund Kartoffeln, sechs Eier und einen Liter Apfelsaft.
Als wir fotografieren spricht uns ein Heimbewohner an. Er habe am vergangenen Montag nicht zur Essensausgabe erscheinen können, weil er habe arbeiten müssen. Er sei von der Liste gestrichen worden und habe für diese Tage nichts zu essen bekommen.

Aus einer Rede des Bundestagsabgeordneten der GRÜNEN, gehalten am 17. Juni 2010: "((Ich will) hier mal die Kolleginnen und Kollegen in diesem Hause fragen, die ja alle erkennbar keinen Hunger leiden: Wie soll man mit 40,90 Euro "Taschengeld" und 184,07 Euro für Ernährung, Kleidung, Gesundheits- und Körperpflege und Gebrauchs- und Verbrauchsgüter des Haushalts im Monat als erwachsener Haushaltsvorstand auskommen? Und dann noch ein Hinweis: Das Geld wird nicht unbedingt auf das Girokonto überwiesen. Stattdessen gibt es regelmäßig Gutscheine und Sachleistungen. Was für ein Unsinn und was für ein Bürokratiewahn!" (Quelle)


Natürlich kann man nicht beliebig viel auf der Liste ankreuzen. Jedes Lebensmittel ist mit einer Punktezahl vergeben und wenn 150 Punkte erreicht sind, ist die Höchstpunktzahl für diese Lieferung erreicht.

Die AsylbewerberInnen, die hier zum Teil Jahre lang auf den erfolgreichen Abschluss ihres Asylverfahrens warten, sind nicht glücklich darüber, dass sie ihre Lebensmittel auf diesem Weg beziehen müssen. Sie hätten lieber Bargeld, mit dem sie sich leichter eine bessere und gesündere Ernäghrung, die auch ihren Essensgewohnheiten entspricht, besorgen können. Schlimmer aber noch ist für sie die Residenzpflicht, die bedeutet, dass sie den Landkreis nicht verlassen dürfen oder nur mit ausdrücklicher Genehmigung. Was das bedeutet, beschreibt die WELT in einem Artikel.


Und so sahen 2009 zwei Jugendliche aus dem Kreis das Thema Asyl.

Statistiken zum Thema Flüchtlinge in Industrieländern.

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