Ausnahmsweise… Mein Urlaub in der Türkei. Fragmente einer Reportage. (Teil 5)

Hinweis: Sie möchten unsere Türkeiartikel kommentieren? Dann klicken Sie jeweils links auf „Leave a comment“.

(16) Das mit der Meinungsfreiheit ist so eine Sache. „Was darf die Satire?  Alles.“ schrieb Kurt Tucholsky am 27. Januar 1919. Erklären Sie mal einem Türken, wieso so ein Schmähgedicht wie das von Böhmermann erlaubt sein soll. Viel Spaß! Da nützt es Ihnen auch nichts, darauf zu verweisen, dass ja in Deutschland auch so etwas und so etwas und so etwas und so etwas über Merkel erlaubt sei. Aber in der Diskussion wandert der Schieber von „Das ist doch geschmacklos!“ ganz schnell zu „Hier wird das ganze türkische Volk beleidigt.“ Und angesichts der Titanic-Titel hat man es mit deren Verteidigung schon schwer. Die Titanic legt natürlich zum Thema Erdoğan noch pubertär nach, siehe August-Titel. Und was John Oliver zum Thema einfällt, sehen Sie hier.

(17)

sicak

Es ist heiß in der Türkei. die Metro in Izmir zeigt auch um 23 Uhr noch eine Außentemperatur von 34  Grad an.

Der Autor dieses Textes wäre nicht nur deswegen in diesen Zeiten nicht unbedingt in die Türkei zum Urlauben gefahren. Man machte das ja auch früher nicht: im Franco-Spanien zu urlauben, unter den Militärjunta-Griechen Retsina zu schlürfen, in die USA mit der Todesstrafe, äh, Moment…
Es war die Einladung eines studentischen Freundes, der im letzten Jahr ein zweimonatiges Praktikum in Biberach absolvierte, am Weberberg zu Gast wohnte und als gläubiger Moslem das Schützenfest ohne Alkohol durchlebte, der der Autor folgte. Die große Schwester des Studenten heiratete in Bilecik, einer Stadt etwa von gleicher Größe wie unsere Kreishauptstadt an der Riss. Anlass genug, trotz allem, für einen Besuch in der Türkei. Auch wenn dadurch die zweite Hälfte des Schützenfests verpasst wurde.

kordon

Aber im quirligen Izmir gab es dafür tröstlichen Ersatz. Der Kordon, die lange Promenade, die sich am Golf von Izmir entlangzieht, ist dort, wo das Vergnügungsviertel Alsancak an die Küste stößt, voller Menschen, die auf dem Rasen sitzen, plaudern, Bier trinken, kiffen oder flirten. Da lässt sich Vieles vergessen, bis man dann sein Smartphone wieder einmal hervorzieht und spiegel.de aufruft.

alsancak2

kordon3

Der Journalist Hasnain Kazim, einst SPIEGEL-Korrespondent in Istanbul, aber seit Kurzem dort nicht mehr geduldet, schreibt, gemischte Studentenwohnheime seien unter Erdoğan nicht mehr geduldet. Die Metro fährt durch die Nacht und meine Freunde zeigen auf ein Studentenwohnheim an der Bahnstrecke. Durch die Fenster sieht man junge Männer und Frauen miteinander plaudern….

(18) Mit Türken in Deutschland über Politik zu reden, ist mitunter schwierig. Der SPIEGEL-Mann erhält nach kritischen Artikeln regelmäßig wüste Beschimpfungen und Morddrohungen. In Biberach geht es friedlicher zu, aber nur zu oft ist man auch hier bei Diskussionen mit einer unauflösbaren Mischung von Minderwertigkeitskomplex, Größenwahn, Verfolgungswahn und Verschwörungstheorien (11. September?  Die Juden waren’s! Charlie Hebdo? Eingefädelt, um die Moslems zu diskreditieren. usw.) konfrontiert. (Das mit den Verschwörungstheorien dürfte sich in Zukunft noch verschärfen. Die Türkei baut derzeit den größten Flughafen der Welt. Die Folge wird sein, dass die Türken mehr denn je den gefährlichen Chemtrails ausgesetzt sein werden.)

Meine Türkeireise begann mit einem Musterbeispiel. Im kleinen Flughafen von Friedrichshafen steht ein einsamer Streifenwagen unweit der Treppe, mit der man den Flieger nach Istanbul besteigt. Und ein türkischstämmiger Biberacher Kleiderhändler fühlte sich dadurch beleidigt. Offenbar traue man den Türken nicht. „Warum steht gerade hier die Polizei und nicht bei den anderen Flugzeugen da? Was ist das für eine Missachtung?“ Die anderen Flieger parkten nur. Passagiere für sie waren nicht in Sicht. Dass der Streifenwagen vielleicht auch zur Sicherheit der türkischen Fluggäste anwesend sein könnte, kommt dem jungen Mann offenbar nicht in den Sinn.

Dass dann auch noch sein kritischer deutscher Gesprächspartner gleich neben ihm platziert wird, ist Anlass für weitere Mutmaßungen. Ausgerechnet diese „Missgeburt“ (O-Ton) sitzt neben ihm! Der Deutsche, Verfasser eines von etlichen Lernern geschätzten Türkischkurses, kennt das Heimatland des türkischen Fluggastes zwar wesentlich besser als der selbst, aber Respektlosigkeit gegenüber Erdoğan und somit dem türkischen Volk, dessen Gastarbeiter Deutschland groß gemacht hätten, kann man ihm getrost unterstellen. Deutsch-türkische Beziehungen sind – und bleiben – wohl einfach nicht einfach.

Kein Trost ist es, dass auch die Deutschtürken in Diskussionen immer schwieriger zueinander finden, wie DIE ZEIT berichtet.

gulen2

(19) „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ – Bundespräsident Gustav Heinemann auf die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe. Zitiert von Hermann Schreiber in DER SPIEGEL, 13. Januar 1969. Schwer vorstellbar, eine solche Aussage aus dem Munde eines türkischen Präsidenten zu hören. Schwer vorstellbar auch, in der Tagesschau einen bei einem Terroranschlag verwundeten Deutschen im Krankenhaus liegen zu sehen, hinter ihm an der Wand die schwarz-rot-goldene Fahne, die er dann im Verlauf des kurzen Interviews küsst. In der Türkei ist das (mit türkischer Fahne, versteht sich) nicht ungewöhnlich.

bayrak2

Bildtext: „Die Türkei bei der Demokratiewache – Die Landsleute verlassen die Platze millionenfach nicht.“ Gemeint sind die Plätze in den Großstädten, in denen TürkInnen nachts zu Tausenden für die Demokratie demonstrieren.

konak2

Bild: auf dem Konak in Izmir.

bazrak

Bildtext: Dieses Vaterland ist unser. Diese Fahne ist unsere.

Sind die Fahnenküsser, -träger und -schwenker alle verbohrte Nationalisten? Oder haben wir es einfach mit einer anderen Geschichte und einer anderen Kultur zu tun, die wir erst noch verstehen müssen? In Deutschland fänden sich sicher genügend Leute, denen es im Traum nie einfallen würde, ihr Auto mit einer deutschen Fahne zu schmücken, nicht einmal zu Zeiten der EM oder WM. Aber wie erklärt man dies einem Türken? Und wie erklärt der Türke einem dies:

Wirtschaftsminister Nihat Zeybeki drohte ihnen (den Putschisten, d. Red.) eine brutale Bestrafung an. „Wir werden sie in Löcher stecken, und in diesen Löchern werden sie eine solche Bestrafung erhalten, dass sie bis zu ihrem letzten Atemzug die Sonne nicht mehr sehen werden“, wurde er von der Nachrichtenagentur Dogan zitiert. „Sie werden keine menschliche Stimme mehr hören. ‚Tötet uns‘, werden sie betteln“, sagte der Minister demzufolge weiter. (Zitiert nach  der österreichischen „Die Presse“)

Glaubt man in der Türkei, dass man an einen Staat, in dem ein Minister so etwas sagt, Menschen ausliefert, in dem treuen Glauben, dass sie dort ein gerechtes Verfahren erwartet?

Und noch etwas eignet sich als interkulturelles Diskussionsthema: Warum ist BILD.de in der Türkei seit langem nicht mehr zugänglich? Sind es Artikel wie dieser hier, die irritieren?

(Wird fortgesetzt.)

4 Gedanken zu „Ausnahmsweise… Mein Urlaub in der Türkei. Fragmente einer Reportage. (Teil 5)“

  1. Bei dem geistigen Dünnschiss bekommt man Kopfweh….Übrigens Andresen….ich bin auch ohne deinen dämlichen Hinweis auf die Möglichkeit gekommen einen Kommentar zu verfassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.