Ausnahmsweise… Mein Urlaub in der Türkei. Fragmente einer Reportage. (Teil 4)

seytan

(12) Es ist schwierig, sich ein genaues Bild davon zu machen, was tatsächlich vorgefallen ist. Schon lange spricht Erdoğan von „Parallelstrukturen“, die sich in Staat und Gesellschaft bildeten. Strukturen, die, so liest man jetzt, von Fethullah Gülen initiiert und gesteuert wurden, dem Mann, von dem manche sagen, er wäre nach einem erfolgreichen Putsch, wie einst Chomeini aus Frankreich in den Iran, aus seinem Exil in Pennsylvania in die Türkei zurückgekehrt. Über die Gülen-Bewegung, die in Deutschland etwa 300 Schulen und Bildungseinrichtungen betreiben soll, weiß der Verfassungsschutz Einiges, der Durchschnittsdeutsche wenig.  In vielen Zeitungsartikeln ist der Hauptvorwurf an die Organisation: zu wenig Transparenz.
In der Türkei nennt man sie jetzt stets schlicht FETÖ (Fethullahçı Terör Örgütü), also die Terrororganisation der Fethullah Gülen-Anhänger. Einen Gerichtsentscheid braucht es für diese Beurteilung nicht. Es ist aus türkischer Sicht alles eindeutig, nur der Westen wolle davon nichts wissen. In der Türkei aber gilt: „Halk demokrasi için tek yürek“  – Das Volk ist für die Demokratie einen Herzens. Und Gülen gehört garantiert aus dieser Position nicht zu den demokratischen Kräften. Der oben abgebildete Buchtitel „Das lächelnde Gesicht des Teufels“ spricht für sich.

(13) Mit dem lächelnden (türkisch: gülen) Baby unten hat es eine besondere Bewandnis. Das Baby taucht am Ende eines mysteriösen Werbespots auf, der im Fernsehen für die der Gülen-Bewegung nahestehende Zeitung ZAMAN wirbt. (Klicken Sie auf das Babyfoto, um ihn zu sehen. Der anfangs eingeblendete weiße Text auf schwarzem Grund gehört nicht dazu.) Man hört Sirenengeheul und sieht Luftaufnahmen einer Stadt. Es folgt kurz ein Schwarzbild und dann ein lächelndes (gülen) Baby. Zum Schluss der Schriftzug ZAMAN (auf Deutsch: Zeit). Welche Botschaft wollte dieser Spot vermitteln, der etwa neun Monate (so lange braucht ein Baby bis zur Geburt) vor dem Putsch ausgestrahlt wurde? War er ein Startzeichen zum neun Monate später folgenden Putsch? Ist das Verschwörungsparanoia? Wenn nicht, wie aber ist der Spot zu interpretieren? Ein Mysterium.

baby

(14) Es wäre schlimm gewesen, wenn der in Deutschland ungeliebte Staatschef Erdoğan einem Attentat zum Opfer gefallen wäre. „Endlich wieder Demokratie!“ hätten sicher einige Idioten in Deutschland gejubelt und sich verblüfft die Augen gerieben, wenn die Alternative so ganz anders ausgefallen wäre, vielleicht, so einige Vermutungen, als Gottesstaat nach iranischem Muster. und keineswegs als Demokratie westlichen Musters.  Überhaupt gibt es befremdliche Ausblendungen. Das Bild von dem Chinesen, der sich alleine den Panzern auf dem Tiananmen-Platz entgegenstellte, ist zur Ikone geworden. Photos von den mutigen Türken und Türkinnen (mit und ohne Kopftuch), die Panzer in Istanbul ausbremsten, sind rar, wenn man sie denn findet. Und niemand postet ein „Ich bin Istanbul“ auf Facebook, trotz 250 Toten und Tausender von Verletzten.

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Im türkischen Fernsehen aber laufen Videos der Putschnacht auch drei Wochen nach dem Ereignis immer wieder und illustrieren die endlosen Diskussionen zum Thema, die dort stundenlang zu verfolgen sind. Ebenso häufig sieht man Live-Einblendungen von den zahllosen Massendemonstrationen für die Demokratie in den großen Städten.

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(15) Wer verstehen will, wie erleichtert die Türken über das Scheitern des Coups waren, sollte sich noch einmal die Folgen des Putsches von 1980 vor Augen führen:

  • The Turkish Parliament was dissolved, the Constitution was revoked, all political parties were shut down and their assets were seized.
  • 650,000 people were taken into custody
  • 230,000 people were put on trial
  • 1,683,000 people were blacklisted
  • Military prosecutors demanded the death penalty for 7,000 people
  • 517 people received the death penalty
  • 50 people were hanged
  • The military rule revoked the citizenships of more than 14,000 people
  • 388,000 citizens were denied Turkish passports
  • 30,000 people fled Turkey to seek refuge abroad
  • 299 inmates died in prisons due to „indeterminate“ reasons
  • 14 inmates died in hunger strikes
  • 171 people died under torture
  • 3 journalists were killed
  • 4,000 years of prison time was requested for 400 journalists
  • 31 journalists were jailed
  • Newspapers could not print for 300 days
  • 39 tons of newspapers and periodicals were destroyed
  • 937 movies were banned from screening

(Quelle: Hürriyet Daily News)

(Fortsetzung folgt.)

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