Ausnahmsweise… Mein Urlaub in der Türkei. Fragmente einer Reportage. (Teil 3)

(8) Parolen, Parolen, Parolen

minet

„Wir sind unserer Nation dankbar. Für das Vaterland sind wir auf der (Mahn-)Wache.“

inan

„Wir glauben an die Demokratie“ – In der U-Bahn und auf vielen Großbildschirmen zu lesen.

egil

„Die Nation beugt sich nicht. Die Türkei wird nicht besiegt.“

tekyurek

„Millionen sind einen Herzens.“ – TeilnehmerInnen der Kundgebung Erdoğans und zweier Oppositionsführer in Istanbul. Fünf Millionen Menschen sollen laut Angaben der Polizei daran teilgenommen haben.

sehit

„Wir haben den Putschisten eine Lektion erteilt. Die Demokratie ist als Sieger hervorgegangen. Danke, Bürger von Osmaneli!“ steht links. Auf dem Plakat ist ein Soldat aus Osmaneli abgebildet, der offenbar beim Putsch zu Tode gekommen ist. Üblicherweise werden im Dienst getötete Soldaten oder Polizisten als Şehit, als Märtyrer, bezeichnet. Verwundete erhalten den Ehrentitel Gazi.

irade

„Der Willenskraft der Nation kann ein Putsch nichts anhaben.“

ordu

Volksarmee war gestern: „Armee und Volk Hand in Hand“.

(9) Eine große Anzeige in „Yeni Akit“, bezahlt von der Liga der Freunde Eurasiens, lässt wissen, dass es sich bei Recep Tayyıp Erdoğan um einen „Lider“, einen Führer also, handelt, der auf der Welt seinesgleichen nicht hat. Wütend berichtet die Zeitung darüber, dass die Live-Übertragung einer Rede Erdoğans an die Mammutdemonstration (dev mitingi) in Köln nicht genehmigt wurde. (Ursprünglich war dort mit 30.00, dann mit 50.000 TeilnehmerInnen gerechnet worden. Während auf spiegel.de dann von letztlich nur 20.000  Menschen die  Rede ist, flackert die Zahl 100.000 über einen türkischen Fernsehschirm.) Später scheint sich dann die Zahl 40.000 durchzusetzen.  Das große Treffen für die Demokratie in Istanbul zog, so berichten türkische Medien später, fünf Millionen Menschen an. Auch als die Zahl erst bei 3,5 Millionen lag, berichtete die deutsche Presse lediglich von Hunderttausenden. Wer ist jetzt das Lügenmedium?

(10) Die regierungskritische Cumhuriyet erscheint nach wie vor. Der Sözcü ist auch zu haben, die Website der Bir Gün ist nach längerer Pause wieder zugänglich. Sie macht heute mit einem neuen Skandal auf. Nachdem kürzlich am Wiener Flughafen Schwechat eine Leuchtschrift der Kronenzeitung zu lesen war, die besagte „Wer in der Türkei Urlaub macht, unterstützt Erdoğan“, liest man jetzt: „Türkei erlaubt Sex mit Kindern unter 15 Jahren„.  (Die entsprechende Gesetzgebung ist mindestens genauso problematisch wie diese Schlagzeile.)  Auch „Leman“ gibt es wieder am Kiosk. Die Putsch-Ausgabe der satirischen Wochenzeitschrift war offenbar wegen einer Titelkarikatur verboten worden, in denen zwei große Hände das Volk und die Armee einander gegenüber schoben. Im Internet gibt es diese noch.

(11) Man kann nur zu gut verstehen, dass die meisten Türken froh sind, dass der Putsch nicht erfolgreich war. Die vielen Jahre unter Herrschaft des Militärs, die es bisher bereits in der Türkei gab, waren nie gut. Willkürliche Verhaftungen, Folter und Todesurteile gab es immer wieder. Irritierend für Deutsche ist dennoch die aus westlicher Sicht kultische Verehrung, die ein Mann wie Erdoğan findet. In den Augen vieler Deutscher sieht man ihn als Diktator, der die Presse knebelt, vom Rechtsstaat nichts hält, und – wenig souverän – einen kleinen deutschen Satiriker wegen eines albernen Schmähgedichts verklagt. Und der jetzt nach dem Motto handele „Shoot first and ask questions later“.

Der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Parlaments in Ankara, der AKP-Politiker Mustafa Yeneroğlu, formuliert das im Deutschlandfunk dezenter: das Land habe sich in einer Notsituation befunden. Jeder andere Staat in Europa hätte sich in einer vergleichbaren Lage ebenso verhalten. Mit Blick auf die Verfolgung der vermeintlichen Anhänger der Gülen-Bewegung meint Yeneroğlu, die Betroffenen würden zunächst suspendiert, anschließend werde die Verhältnismäßigkeit geprüft. Nach seiner Ansicht wird das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit dabei gewährleistet. Das dürfte schwierig werden. Die ohnehin überfüllten türkischen Gefängnisse sind jetzt noch voller. Für Prozesse braucht es Richter und Staatsanwälte. Viele von ihnen sind verhaftet, Ersatz wird nicht leicht zu finden sein. Auch  Rechtsanwälte, die noch sind, einen vermeintlichen Fethullah-Anhänger zu verteidigen, sind rar gesät. Manche fürchten, dann selbst zu Opfern der derzeitig laufenden „Säuberungen“ zu werden, sei es durch staatliche Organe, sei es durch „das Volk“.

 

 

 

 

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