Ausnahmsweise… Mein Urlaub in der Türkei. Fragmente einer Reportage. (Teil 2)

bodenfahnen

(5) Aber natürlich gibt es auch die andere Seite. Der Tourist, der nächtens sich auf dem Konak, dem großen Versammlungsplatz in Izmir, eingerahmt von den Gebäuden der Stadtverwaltung und des Bezirksgouveneurs, einfindet, ganz wider der Warnung des deutschen Außenministeriums, Menschenansammlungen zu meiden, kann unbehelligt fotografieren. Und er wird Ohrenzeuge eines bizarren Disputs. Auf dem Zugangsweg zum Konak bieten HändlerInnen Schuhe und Seidenschals an, aber auch Recep Tayyıp Erdoğan-Devotionalien, patriotisch betextete Spruchbänder und natürlich Fahnen, Fahnen, Fahnen. Ein Fahnenhändler hat seine Waren auf einem Plastiklaken am Rande des Gehsteigs platziert. Er wird von zwei Männern mittleren Alters, beide mit Fahnenstangen ausgerüstet, harsch angegangen: er solle gefälligst die türkische Fahne nicht auf den Boden legen. Der Mann macht Anstalten, die Fahnen aufzuheben, die Männer ziehen weiter. Die Fahnen bleiben liegen, wo sie bisher lagen.

fahnenmeer

(6) In den türkischen Städten ziehen dieser Tage die Menschen zu Zigtausenden nachts auf die Plätze. Eine halbe Million Menschen hat sich in Izmir in den zwei Wochen nach dem Putsch auf dem Konak eingefunden. Dort dauern die Kundgebung bis  nachts um 5. Bald fährt dann wieder die Metro.Von einem Frittierwagen aus wird – gratis – Lokma verteilt, die süßen Teigbällchen. Die Schlange davor ist lang.  Eine Gruppe junge Männer windet sich mit Fahnen polonaiseartig durch die Menge und ruft „Allahu akbar!“.

konak

Auf Großbildschirmen ertönen heiser gewordene Stimmen von Lokalpolitikern. Umgeben von Atatürkbildern, von Erdoğanbildern, von Fahnen kann man Rede um Rede verfolgen.

folkart

(7) Die beiden höchsten Bürohochhäuser in Izmir, vor kurzem noch die fünfthöchsten Wolkenkratzer in Europa, die Folkart Towers, sind normalerweise nachts mit Lichtbändern in wechselnden Farben geschmückt. Jetzt gibt es nur noch eine Farbe: das patriotische Rot der türkischen Fahne. Auf den Dächern der beiden Hochhäuser leuchten zwei Worte: „DEMOKRASİ“ steht auf einem, „KAZANDI“ auf dem anderen – „Die Demokratie hat gesiegt“ heißt das auf Deutsch. LeserInnen von Spiegel.de muss es wie Orwellscher Hohn vorkommen, aber in Deutschland, wo man sehr viel über die Repressionswelle gegen Journalisten, Richer und Lehrer liest, die zu Tausenden ins Gefängnis wandern, ist erstaunlich wenig über den Mann zu lesen, der hinter dem Putsch stecken soll und wohl zumindest beteiligt war – Fethullah Gülen.
Nicht nur an Orwell, auch an finstere Zeiten in Deutschland erinnern die unendlich vielen Plakate und Spruchbänder, die die türkischen Städte derzeit zieren: „Eine Nation. Eine Fahne. Ein Vaterland. Ein Staat.“ steht da. Und darunter: „Alle gemeinsam zum Besseren, zum Schöneren.“
Wer deutsche Maßstäbe anlegt, ist fassungslos. Aber sie anzulegen, wäre arrogant:  an der deutschen politischen Kultur soll gefälligst auch die Türkei genesen?

tek

(Wird fortgesetzt.)

 

 

Ein Gedanke zu „Ausnahmsweise… Mein Urlaub in der Türkei. Fragmente einer Reportage. (Teil 2)“

  1. Dieser Beitrag war jetzt ungefähr genauso informativ wie die Aussage des ARD-Reporters, der dereinst verkündete „Die Fans skandieren ‚Türkiye, Türkiye‘, was in etwa so viel heißt wie ‚Türkei, Türkei‘.

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