Ausnahmsweise… Mein Urlaub in der Türkei. Fragmente einer Reportage. (1)

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bayrak

(1) Şaban Güldür* seufzt. Der Zeitungshändler steht am Abend neben seinem noch vollen Zeitungsständer. Niemand will die letzten verbliebenen – regierungstreuen – Zeitungen kaufen. In den Teegärten herrscht gedrückte Stimmung. Kaum einer wagt es, politische Themen anzusprechen. „Çok sıcak!“ ist die am häufigsten gehörte Wendung: „Sehr heiß“. Das Wetter bleibt ein sicheres Thema. Am nahen Strand sieht man einzelne Frauen im Burkini baden. Einen Badeanzug oder gar Bikini zu tragen traut sich im von Erdoğan zunehmend zwangsislamisierten Land kaum noch jemand. Frauen ohne Kopftuch? Fehlanzeige. An allen wichtigen Kreuzungen stehen Panzer, Wasserwerfer oder Mannschaftswagen der Polizei. Einzukaufen ist schwierig geworden. Immer wieder sind Straßen abgesperrt, in denen gerade Verhaftungen vollzogen werden. Ein Land im Ausnahmezustand. So etwa stellen sich wohl manche Deutsche das Leben derzeit in der Türkei vor. Die Realität sieht anders aus. (*Name von der Redaktion geändert)

cadarli

(2) Eine deutsch-türkische Familie sitzt in Çadarlı, unweit von İzmir, unter Sonnenschirmen auf den Mietliegen am Strand, die es für etwa 12 Euro am Tag gibt. „Anne (Mutter), ich will nach Hause,“ quengelt ein Kind in dem für Deutschtürken typischen Sprachmix. Der Strand ist zum Bersten voll. Burkinis sieht man hier nicht. Dafür viel offenes Haar.  Und wer eine der linken, der kritischen Zeitung aufschlägt, den Sözcü etwa, die Cumhuriyet oder die Bir Gün muss kaum mit Angriffen rechnen. Auch ein Deutscher nicht. Selbst wenn die Akşam mit „Heil Merkel“ aufgemacht hat und die Kanzlerin mit Hitlerbärtchen und so genanntem deutschem Gruß zeigt.

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Selbst wenn – siehe obiges Foto –  die Yeni Akit Anfang August titelt „Deutschland ist kein Freund, Deutschland ist ein Feind“.

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(3) Richtiges bitte ankreuzen: A) Wer jetzt in der Türkei Urlaub macht, unterstützt damit Erdoğan. Unbedingt wegbleiben! B) Das autoritäre Gehabe Erdoğans und die vielen Verhaftungen von Journalisten, Lehrern und Richtern schrecken deutsche Touristen ab. Die unschuldigen Leidtragenden sind all die Kleinunternehmer mit ihren Hotels und Pensionen. Daher: Jetzt erst recht Türkeiurlaub!

(4) Man muss nicht mit halblauter Stimme murmeln, wenn man auch im Kreise von Erdoğan-Anhängern sagt, dass dessen Behauptung, in Deutschland und Österreich dürften Türken weder demonstrieren noch türkische Fahnen schwenken, äh, wohl nicht die Wahrheit sei. Fernsehbilder von der Demonstration in Köln sprechen für sich. Und Erdoğan, der unlängst beim Wahlkampf auch in Deutschland auftrat, sollte es eigentlich besser wissen. Warum sagt er dann so etwas? „Das weiß ich nicht,“ sagt mein türkischer Gesprächsparter, als ob es dafür eine akzetable Begründung geben könnte.

(Fortsetzung folgt.)

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